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Schlagwort: Stadt

Arch√§ologische Funde „An der Burg“ in St.Vith

Mauerreste, die bei den Sondierungsgrabungen im Juni 2020 zu Tage traten.

Im Vorfeld zum Bau eines Appartementhauses im St.Vither Ortsteil „An der Burg“ wurden im Juni 2020 arch√§ologische Sondierungsgrabungen durchgef√ľhrt. Dabei wurden schon am ersten Tag Mauerreste entdeckt, die vom leitenden Arch√§ologen, Dr. Wolfgang Messerschmidt, als Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung gedeutet wurden. Im Detail tauchten √úberreste einer alten Mauer sowie eines Turms auf, die z.T. „√§lter als der B√ľchelturm“ sein soll. Die in den drei Grabungstagen (15.-17.6.2020) freigelegten Mauerreste lassen vermuten, dass weitere Funde zwischen den bisher freigelegten Mauerteilen und der Kirche zu erwarten sind.

Ergebnisse der archäologischen Sondierungsgrabung vom Juni 2020

Im Juli 2020 legte der Grabungsleiter Dr. W. Messerschmidt seinen „Abschlussbericht zur arch√§ologischen Ma√ünahme St.Vith (SV 20-01)“ vor, der uns seit August 2020 zur Verf√ľgung steht.
Schon in seiner Einleitung betont Dr. Messerschmidt, dass „die f√ľr die Bebauung vorgesehene Fl√§che eine f√ľr die Geschichte St.Viths nicht unerhebliche Bedeutung“ habe.  An den drei Grabungstagen konnten Mauerreste freigelegt werden, die als Teil eines Mauerverbandes (5) bzw. als Mauerverblendung (10) und als Teil eines Rundturms (8, 9) identifiziert und ins 12.-13. Jahrhundert datiert wurden. Die Funde werden als „au√üerordentlich bemerkenswert“ bezeichnet.

Die Mauer (5) konnte auf einer Länge von 10,40 m und in einer Höhe von 0,80 m freigelegt werden; die genaue Breite konnte wegen einer darauf befindlichen Terrassenmauer (7) aus der Nachkriegszeit nicht ermittelt werden. Die Mauer besteht aus Hau- und Bruchsteinen (Grauwacke und vereinzelt Schiefer), die geschichtet im Mörtelbett (hellroter Sandmörtel mit 5% Kalkanteil) aufgemauert sind. Die vorgeblendeten Steine (10) sind auf einer Länge von 3,40 m im gleichen Mörtelbett verlegt und nicht in den Mauerverband integriert.
Ebenfalls in diesen Mauerverband integriert und diesen auf einer L√§nge von ca. 5,50 m in s√ľdliche Richtung verlassend fanden die Fachleute die Reste eines als Rundturm gedeuteten Bauwerks (9). Diese Mauern bestehen gr√∂√ütenteils aus „aufgemauertem Schiefer in einem rosafarbenen Sandm√∂rtelbett mit 5% Kalkzuschlag“. Die Mauer bildet einen „ann√§hernd halkreisf√∂rmigen Verlauf“, der sich unter dem modernen Schutt fortsetzt. Sein s√ľdlicher Scheitelpunkt (8) konnte im weiteren Verlauf der Mauer (5) gefunden werden. Die Turmreste zeigen einen inneren Durchmesser von 5,90 m.

In seiner Schlussfolgerung betont Dr. Messerschmidt den „eindeutig fortifikatorischen Charakter“ der Anlage. Die get√§tigten Funde stimmen mit den im Urhandriss von 1828 eingezeichneten Turmresten √ľberein. Somit d√ľrften auch die 1935 bei Reiners-Neu beschriebenen Baureste mit den Funden identisch sein. Messerschmidt bezweifelt allerdings, ob die Funde als Teil der um 1350 errichteten Stadtmauer gelten k√∂nnen. Der B√ľchelturm mit einem inneren Durchmesser von 3,90 m ist kleiner als der hier vorgefundene Turm mit einem inneren Durchmesser von 5,90 m. Daher sei von einer unterschiedlichen Bauzeit der beiden Bauwerke auszugehen.  Die hier ausgegrabenen Turmmauern deutet er als √úberreste eines Donjons einer burg√§hnlichen Festungsanlage, die „zweifellos √§lter als die Stadtmauer ist“.

Sollte sich diese Annahme nach den folgenden Grabungen best√§tigen, muss die St.Vither Geschichte um bisher Unbekanntes erg√§nzt werden. Da die hier vorgefundenen Mauerreste aus einer Zeit (12.-13. Jh.) stammen, aus der  die ersten urkundlichen Nachrichten zur Geschichte St.Viths vorliegen, werden die weiteren Grabungsergebnisse mit Spannung erwartet. Die im Juni 2020 get√§tigten Funde haben auf Grund dieser Erkenntnis allein schon einen solchen Wert, dass sie der Nachwelt unbedingt erhalten werden m√ľssen.

B√ľrgerinitiative

Eine B√ľrgerinitiative (mit eigener Webseite) bem√ľht sich seither um den Erhalt der Funde und hat eine Petition an den St.Vither Stadtrat und an die Regierung der DG gerichtet. Unterzeichnen auch Sie diese Petition zur Rettung der Funde. (Formular bitte ausdrucken, unterschreiben und an ZVS zur√ľckschicken)
Ende Juli 2020 hat die Regierung der DG beschlossen, umfangreichere Grabungen an dieser Fundstelle durchf√ľhren zu lassen und somit etwas mehr Licht ins bisher recht unbekannte mittelalterliche St.Vith zu bringen.

Umfangreichere Grabungen ab dem 19.10.

Die am 19. Oktober wieder aufgenommenen Grabungen auf dem Areal ‚ÄěAn der Burg‚Äú zeitigen bereits nach der ersten der auf vier Wochen angesetzten gr√ľndlichen Ausgrabungen ein sensationelles Ergebnis. Die Erwartungen der unter der Leitung von Dr. Wolfgang Messerschmidt (Fa. Goldschmidt Arch√§ologie und Denkmalpflege, D√ľren) arbeitenden Mannschaft wurden bereits nach wenigen Tagen  bei weitem √ľbertroffen. Es konnte nicht nur ein Halbkreis der Grundmauern des Turms auf der s√ľdlichen Seite des Areals freigelegt werden, es wurden auch bedeutende Grundmauern auf der rechten Seite hinter der alten Kaplanei und entlang des benachbarten Anwesens von Frau Veronika Maraite gefunden, die einem massiven Bau (der eigentlichen Burg?) zugeordnet werden m√ľssen. Beide Fundstellen geben in vielerlei Hinsicht R√§tsel auf, um deren L√∂sung sich die Arch√§ologen nun bem√ľhen werden. Ggf. werden die Ausgrabungen auf benachbarte Grundst√ľcke ausgedehnt werden. Dies setzt allerdings eine entsprechende Erweiterung des Auftrags des Ministeriums an das ausf√ľhrende Unternehmen sowie das Einverst√§ndnis der Eigent√ľmer*innen der benachbarten Parzellen voraus. Und da gibt es bereits durchaus positive Reaktionen zu vermelden.
Angesichts dieser erfolgreichen und vielversprechenden Ergebnisse gab der St.Vither Stadtrat am 21.10. bekannt, einen Antrag auf provisorische Unterschutzstellung der Fundstelle bei der DG stellen zu wollen.

Einblicke in die Grabungsarbeiten (Fotos: E. Kirsch, L. Paasch, K.D. Klauser)

19.10.2020: Beginn der arch√§ologischen Grabung am Gel√§nde ‚ÄěAn der Burg‚Äú in St.Vith. Per Bagger wird der Schutt von den tiefer liegenden Mauerresten der Burg entfernt.

19.10.2020: Beginn der arch√§ologischen Grabung am Gel√§nde ‚ÄěAn der Burg‚Äú in St.Vith. Per Bagger wird der Schutt von den tiefer liegenden Mauerresten der Burg entfernt.

19.10.2020:  Schon nach wenigen Baggerschaufeln wird der innere Kreis des Turms sichtbar

19.10.2020: Schon nach wenigen Baggerschaufeln wird der innere Kreis des Turms sichtbar

19.10.2020: Wegräumen weiteren Schutts am Turmrest per Bagger.

19.10.2020: Wegräumen weiteren Schutts am Turmrest per Bagger.

19.10.2020: Nach der Baggerschaufel kommen Schaufel, Spaten und Schabeisen zum Einsatz.

19.10.2020: Nach der Baggerschaufel kommen Schaufel, Spaten und Schabeisen zum Einsatz.

19.10.2020: Die Struktur der Außenmauer eines Turms wird erkennbar.

19.10.2020: Die Struktur einer Turmmauer wird erkennbar.

20.10.2020: Die Turmreste liegen frei; derweil wird das Gelände weiter nördlich abgebaggert

20.10.2020: Die Turmreste liegen frei; derweil wird das Gelände weiter nördlich abgebaggert

20.10.2020: Mit Handfeger und kleinen Werkzeugen wird die Maueroberfläche untersucht.

20.10.2020: Mit Handfeger und kleinen Werkzeugen wird die Maueroberfläche untersucht.

20.10.2020: Räumungsarbeiten an der Grenze zur Parzelle Veronika Maraite

20.10.2020: Räumungsarbeiten an der Grenze zur Parzelle Veronika Maraite

20.10.2020: Auf der Parzelle V. Maraite: Vor dem Strauch befindet sich eine √Ėffnung in der Erde, die arch√§ologisches Interesse hervorruft.

20.10.2020: Auf der Parzelle V. Maraite: Vor dem Strauch befindet sich eine √Ėffnung in der Erde, die arch√§ologisches Interesse hervorruft.

20.10.2020: Auf diesem Bild wird deutlich, wie die Mauer, ausgehend vom Turm, in Richtung Norden zum Grundst√ľck V. Maraite verlaufzen k√∂nnte.

20.10.2020: Auf diesem Bild wird deutlich, wie die Mauer, ausgehend vom Turm, in Richtung Norden zum Grundst√ľck V. Maraite verlaufen k√∂nnte.

20.10.2020: Eine durchgehende Vertiefung in der Mauer des Turmes

20.10.2020: Eine durchgehende Vertiefung in der Mauer des Turmes

22.10.2020: Das Areal in Richtung des Grundst√ľcks V. Maraite (abgegrenzt durch die Zementsteinmauer rechts) wurde ger√§umt. Dabei traten Mauerreste in Erscheinung (Bildmitte), die auch der Burg zugeordnet wurden.

22.10.2020: Das Areal in Richtung des Grundst√ľcks V. Maraite (abgegrenzt durch die Zementsteinmauer rechts) wurde ger√§umt. Dabei traten Mauerreste in Erscheinung (Bildmitte), die auch der Burg zugeordnet wurden.

22.10.2020: Die freigelegten Mauerreste (rechts) tauchten unter dem Schutt auf.

22.10.2020: Die freigelegten Mauerreste (rechts) tauchten unter dem Schutt auf.

22.10.2020: Gewölbeansatz in den Mauerresten im rechten Grabungsareal.

22.10.2020: Gewölbeansatz in den Mauerresten im nördlichen Grabungsareal.

23.10.2020: Ein Maueransatz ragt aus der oberen Umfassungsmauer. (Ansicht nach S√ľdosten)

23.10.2020: Ein Maueransatz ragt aus der oberen Umfassungsmauer. (Ansicht nach S√ľdosten)

23.10.2020: Details der Mauerz√ľge: Der Maueransatz (links, Bildmitte) und ein Gew√∂lbeansatz in der senkrecht dazu verlaufenden Mauer (Bildmitte). (Ansicht nach Nordwesten)

23.10.2020: Details der Mauerz√ľge: Der Maueransatz (links, Bildmitte) und ein Gew√∂lbeansatz in der senkrecht dazu verlaufenden Mauer (Bildmitte). (Ansicht nach Nordwesten)

27.10.2020: Auch im linken Grabungsfeld, oberhalb der Waschbetonst√ľtzmauern des Baufachhandels Pip, tauchen Mauerreste auf.

27.10.2020: Auch im s√ľdlichen Grabungsfeld, oberhalb der Waschbetonst√ľtzmauern des ehem. Baufachhandels Pip, tauchen Mauerreste auf.

30.10.2020: Mauerreste verteilen sich √ľber das gesamte n√∂rdliche Grabungsareal und erreichen bisweilen eine beachtliche Tiefe. (Blick in Richtung Triangel)

30.10.2020: Mauerreste verteilen sich √ľber das gesamte n√∂rdliche Grabungsareal und erreichen bisweilen eine beachtliche Tiefe. (Blick in Richtung Triangel)

30.10.2020: Die Stufen im Erdreich dienen den Arch√§ologen zum Abstieg in die Fundstelle. (Blick in Richtung Grundst√ľck V. Maraite)

30.10.2020: Die Stufen im Erdreich dienen den Arch√§ologen zum Abstieg in die Fundstelle. (Blick in Richtung Grundst√ľck V. Maraite)

3.11.2020: Nördliches Grabungsareal: ungeahnte Welten tauchen aus dem Boden auf.

3.11.2020: Nördliches Grabungsareal: ungeahnte Welten tauchen aus dem Boden auf.

3.11.2020: Nördliches Areal: ein neuer Turmansatz (rötlicher Mauerzug in der Bildmitte) wird entdeckt.

3.11.2020: Nördliches Areal: ein neuer Turmansatz (rötlicher Mauerzug in der Bildmitte) wird entdeckt.

6.11.2020: Die nördliche Grabungsstelle erweist sich als sehr umfangreich und ergiebig.

6.11.2020: Die nördliche Grabungsstelle erweist sich als sehr ergiebig.

6.11.2020: Auch auf der s√ľdlichen Grabungsstelle tauchen weitere Mauern auf (Standort des Hauses von Monschaw).

6.11.2020: Auch auf der s√ľdlichen Grabungsstelle tauchen weitere Mauern auf (Standort des Hauses von Monschaw).

6.11.2020: Die Au√üenmauer des Turms im s√ľdlichen Grabungsfeld wurde bis auf H√∂he des Wassergrabens freigelegt.

6.11.2020: Die Au√üenmauer des Turms im s√ľdlichen Grabungsfeld wurde bis auf H√∂he des Wassergrabens freigelegt.

10.11.2020: Die Funde im nördlichen Areal nehmen beeindruckende Ausmaße an.

10.11.2020: Die Funde im nördlichen Areal nehmen beeindruckende Ausmaße an.

10.11.2020: Die 4 m hohe Mauer (im Vordergrund) wurde bis zum Fundament freigelegt. Die graue Färbung des Bodens (rechts) sind Überreste eines Wassergrabens.

10.11.2020: Die 4 m hohe Mauer (im Vordergrund) wurde bis zum Fundament freigelegt. Die graue Färbung des Bodens (rechts) sind Überreste eines Wassergrabens.

10.11.2020: √Ėffnungen im Mauerwerk (rechts) geben R√§tsel auf: Warum liegen sie unterhalb des Wassergrabens (Bildmitte)?

10.11.2020: √Ėffnungen im Mauerwerk (rechts) geben R√§tsel auf: Warum liegen sie unterhalb des Wassergrabens (Bildmitte)?

10.11.2020: Schwere Stein√ľberlagen und Ans√§tze eines Bogengew√∂lbes √ľber den beiden √Ėffnungen.

10.11.2020: Schwere Stein√ľberlagen und Ans√§tze eines Bogengew√∂lbes √ľber den beiden √Ėffnungen. Die Holzreste vorne links wurden in den Ablagerungen des Wassergrabens gefunden.

10.11.2020: Die Grabungen im s√ľdlichen Areal (Standort Haus von Monschaw) werden erfolgreich fortgesetzt.

10.11.2020: Die Grabungen im s√ľdlichen Areal (Standort Haus von Monschaw) werden erfolgreich fortgesetzt.

Was weiß man bisher von der St.Vither Stadtbefestigung?

Um diese Frage zu beantworten, m√ľssen wir etwas weiter in die Geschichte St.Viths zur√ľckgehen.

Um 1130 wird St.Vith erstmals urkundlich erw√§hnt. Das Schriftst√ľck, ein Eink√ľnfteverzeichnis des Abtes Wibald der Abtei Stavelot-Malmedy, listet einige Kirchen auf, die Abgaben ans Kloster zu leisten haben. Neben Asselborn, Huldingen und Thommen wird auch eine Kirche de sancto vito erw√§hnt. Ferner wird angegeben, dass die Abtei bereits in der ersten H√§lfte des 11. Jahrhunderts Eink√ľfte aus sancto vito und nova villa (Neundorf) bezogen habe.
Zu diesem Zeitpunkt hatte St.Vith noch keine Stadtrechte und war Teil des Königshofes Neundorf, der schon aus dem 9. Jahrhundert bekannt ist.

Eine zweite urkundliche Erw√§hnung St.Viths aus dem Jahr 1151 zeigt den Ort schon als recht beeutende Ansiedlung mit einer Kirche, einer Zollst√§tte und einem Markt. Der limburgische Herzog Heinrich II. als Herr des St.Vither Landes verlieh der Abtei Orval mit diesem Schriftst√ľck Zollfreiheit f√ľr den gesamten Verkehr durch seine L√§nder. St.Vith d√ľrfte zu dem Zeitpunkt also schon eine √ľberregionale Bedeutung als Markt- und Pilgerort erlangt gehabt haben, denn Reliquien den hl. Vitus gelangten vermutlich √ľber Abt Wibald nach St.Vith.

Der Besitz der Limburger Herz√∂ge im St.Vither Land wechselte im 13. Jahrhundert durch Heirat an das Haus Luxemburg. Der Limburger Herzog Walram der Alte heiratete 1214 in zweiter Ehe die luxemburgische Gr√§fin Ermesinde.  Walrams Sohn aus erster Ehe, Walram I.,  heiratete 1225 die Tochter Ermesindes, Elisabeth von Bar.  Nach Ermesindes Tod (1247) erhielt Elisabeths Halbbruder Heinrich der Blonde von Luxemburg die erblichen Zollrechte in St.Vith.
Der Einfluss der Luxemburger im St.Vither Land wuchs weiter, denn 1265 erwarb Heinrich der Blonde Anteile des Hofes Neundorf, die bislang Ritter Kuno von Sch√∂nberg geh√∂rt hatten.  Die Nachfolger des Kuno von Sch√∂nberg besa√üen noch andere Anteile im St.Vither Land und Heinrich der Blonde wird es nicht vers√§umt haben, auch diese zur Vergr√∂√üerung seines Besitzes zu erwerben, denn aus einer Urkunde des Jahres 1271 erfahren wir erstmals, dass St.Vith als luxemburgisches Lehen verkauft wird, und zwar an Walram den Roten aus dem Hause Valkenburg-Montjoie. In dieser Zeit (1260-70) d√ľrfte St.Vith Stadtrechte erlangt haben; die Urkunde hier√ľber ist leider verschollen.

Der bekannte Geschichtsschreiber des St.Vither Landes, Dr. Anton Hecking, gibt in seiner „Geschichte der Stadt und ehemaligen Herrschaft St.Vith“ (1875) an, dass Graf Heinrich St.Vith um 1260 zu einer „Vertheidigungs-Stadt“ ausgebaut und mit festungsartigen Mauern umgeben habe und dass sein Sohn Heinrich III. dieses Werk fortgesetzt habe.
Leider gibt Hecking keine Quellen f√ľr diese Behauptungen an. Auch f√ľr Heckings Beschreibung dieser Festungsbauten fehlen die Quellen : Eine kreisf√∂rmige stark 8 Fu√ü dicke Ring-Mauer umfasste ganz St.Vith in solcher Ausdehnung, dass die Grundfl√§che innerhalb der Ring-Mauer ca. 29 Morgen betrug. In dieser Ring-Mauer standen in gewisser Entfernung von einander, um St.Vith herum sieben √ľber die Ring-Mauer hervorragende runde Vertheidigungsth√ľrme, deren Mauer auch die Dicke von 8 Fu√ü hatte. Au√üer den gleichzeitig errichteten W√§llen war das Ganze, au√üerhalb der Ring-Mauer, noch mit einem breiten Wassergraben umgeben. ... In der Ring-Mauer waren zwei Thore, ein s√ľdliches und ein n√∂rdliches, da, wo jetzt noch die zwei Haupteing√§nge der Stadt sind. … Die sieben Th√ľrme der Ring-Mauer dienten nicht allein zur Vertheidigung der Stadt, sondern der Raum des Erdgeschosses eines jeden auch als Gef√§ngnis f√ľr die Verbrecher.

Laut einem Schriftst√ľck aus dem Jahre 1350 befahl der aus dem Hause Luxemburg stammende K√∂nig Karl IV. seinem Verwalter, den in St.Vith amtierenden Lehnsmann Johann von Valkenburg am Fortbau der Burg und der Befestigung des Marktes zu hindern. Johann von Valkenburg hat den Marktflecken dann doch befestigt und sogar St.Vither M√ľnzen (moneta sancti viti) pr√§gen lassen.
Es mag durchaus sein, dass die Festungsanlage Johanns auf Vorg√§ngerbauten ruhten, die rund 100 Jahre vorher angelegt worden waren. Doch zeigt der Einspruch K√∂nig Karls IV., dass sein Untertan dabei war, die Stadt gegen seinen Willen zu befestigen. W√§hrend Karl IV. als r√∂misch-deutscher K√∂nig im fernen Prag residierte, wird sich sein Lehnsmann Johann um den Schutz der Einnahmen des Marktfleckens St.Vith gesorgt haben und diese, den M√∂glichkeiten der Zeit entsprechend, „eingemauert“ haben. Dabei schlug er wohl zwei Fliegen mit einer Klappe, denn zugleich verwandelte er die Stadt zu einer milit√§r-strategisch g√ľnstig gelegenen Festung am Nordrand der Grafschaft Luxemburg. Johann von Valkenburg gilt demnach als Erbauer des St.Vither Festungswerks.

Die Nachfolger Johanns, d.h. die Grafen von Vianden bzw. von Nassau, haben den Status St.Viths als zentralen Ort der Herrschaft (heute w√ľrde man von „Gro√ügemeinde“ sprechen) und des Hochgerichts beibehalten. Im 17. Jahrhundert bestand die Herrschaft St.Vith aus 7 H√∂fen mit den jeweils dazugeh√∂renden D√∂rfern: B√ľtgenbach, B√ľllingen, Amel, Recht, Neundorf, Pronsfeld und Weiswampach.
Die Viandener bzw. nassauischen Amtsleute (Rentmeister, Schulthei√üen, usw.) residierten in der „Burg“, einem befestigten Haus unterhalb der Kirche, das Teil der Stadtmauer war. In diesem „festen Haus“ lagerten auch Waffen, Nahrungsvorr√§te, Zehntabgaben und Archive. Hecking berichtet von einem Fund eines Kanonenrohrs auf dem Gel√§nde „An der Burg“: Wir verdanken diese uns noch erhaltene Kanone dem Herrn Joseph Buschmann, einem w√§hrend seines Lebens eifrigen Verehrer der vaterl√§ndischen Alterth√ľmer. Er fand dieselbe bei Wegr√§umung des Schuttes in dem von ihm dahier angekauften Burg-Beringe. Um 1810, so Hecking weiter, habe man bei Abtragung eines Turmrestes noch weitere Kanonen gefunden.
Das Burg-Haus hatte also nicht nur Bedeutung f√ľr die Stadt selbst, sondern dar√ľber hinaus auch f√ľr das weitere Umland.

Die Festung hat manchen Angriffen und manchen Feuersbr√ľnsten standgehalten, die die Stadt im Laufe der Jahrhunderte erleben musste. Dem Einsatz von Schwarzpulver, das ab dem 14. -15. Jahrundert vermehrt zum Einsatz kam, waren derartige Festungsbauten jedoch auf Dauer nicht gewachsen.
Im Zuge der Reunionskriege hatte der franz√∂sische K√∂nig Ludwig XIV. das Herzogtum Luxemburg 1684 in seinen Besitz gebracht. Die anf√§nglich friedliche Zeit wurde nach wenigen Jahren durch kriegerische Auseinandersetzungen zwischen deutschen und franz√∂sischen Truppen abgel√∂st. Damit die Festungen an der Landesgrenze nicht in feindliche H√§nde fallen sollten, betrieb der franz√∂ische K√∂nig eine „Politk der verbrannten Erde“.  So erschienen denn im M√§rz 1689 franz√∂sische Soldaten, die die Statdtore, die T√ľrme und das Burgschloss mit Pulver sprengten. Im September des gleichen Jahres wurde die Stadt von den Franzosen zudem noch in Brand gesteckt.
Nach dieser Katastrophe wird es etliche Jahre gedauert haben, bis wieder ein gesch√§ftiges Treiben hier stattfinden konnte. Die Stadtmauer lag in Tr√ľmmern, W√§lle und Wassergr√§ben wurden eingeebnet und die Bewohner werden sich zum Bau ihrer H√§user in diesen Steinhaufen bedient haben. Nur der B√ľchelturm, der dieses Zerst√∂rungswerk wohl einigerma√üen √ľberstanden hatte, wurde wieder errichtet und k√ľndet heute als einziges Bauwerk von der einst stolzen Festung, hinter dessen Mauern die Bewohner ihren Alltagsgesch√§ften und ihren religi√∂sen Pflichten jahrhundertlang nachgegangen waren.

Überreste der Stadtmauer auf alten Karten und ihre Erwähnung in Publikationen

Auch viele Jahrzehnte nach der Zerst√∂rung war die Erinnerung an die alte Festung nicht verschwunden. Der markante Stra√üenkranz, der bis heute den Verlauf der Stadtmauer andeutet, findet sich in den ersten Kartenwerken des 18. und des 19. Jahrhunderts (Ferraris (1775-78), Tranchot – von M√ľffling (um 1820)). Ortsbezeichnungen wie „Hinterscheid“, „Ascheid“ oder „Burg“ oder turmartige Geb√§ude tauchen in den ersten preu√üischen Katatserkarten (1828-1 und 1828-2) oder auch in neueren Stadtpl√§nen (z.B. 1939) auf.
Obschon Hecking, wie o.e., von der Beseitigung von Turmresten um 1810 berichtet, scheinen diese Arbeiten nicht sonderlich gr√ľndlich verlaufen zu sein, denn auf einer Parzellarkarte der preu√üischen Eisenbahnverwaltung (1886) ist im Bereich der „Burg“ ein turmartiges Geb√§ude eingezeichnet, das damals zumindest noch als Restturm erhalten geblieben sein muss.

In den „Kunstdenkm√§ler von Eupen-Malmedy“, aus der Feder von H. Reiners und H. Neu (1935, S. 467), findet sich eine Beschreibung des Areals an der Burg: „Auf dem Grundst√ľck ‚An der Burg‘  ist von einem andern Turm ein halbes Untergeschoss erhalten mit Kuppelgew√∂lbe und anschlie√üendem Mauerrest. ... Die Burg war in die Stadtbefestigung einbezogen … und lag im Nordosten an der Bahnhofstra√üe, wo der Flurname ‚An der Burg‘ ihren Platz bezeichnet. Sie war Sitz der Beamten der Herrschaft und mit einem Wassergraben umgeben; i. J. 1621 werden ihre Mauern und T√ľrme als gut bezeichnet. Au√üer den Wohnt√ľrmen enthielt sie Scheunen zur Aufnahme der einkommenden Naturalabgaben. … Hecking sah noch das Gef√§ngnis im Erdgeschoss. … Heute sind nur mehr schwache Fundamente von zwei Rundt√ľrmen aus Bruchstein und Reste von zwei rechtwinklig verbundenen Mauerz√ľgen zu erkennen.

Der Bereich der „Burg“ geh√∂rte um 1830 dem St.Vither Gerbereibezitzer Wilhelm Buschmann, der dort ein Wohnhaus errichtet hatte. Um 1865 gelangte das Areal in den Besitz der Familie von Monschaw, die hier 1868 ein Herrenhaus errichten lie√üen, bei dessen Bau offenbar auch Grundmauern der „alten Burg“ gefunden wurden (SVZ, 4.5.1937).
Um 1925 erwarb die Familie Pip das Anwesen. Nach den Zerst√∂rungen des Zweiten Weltkrieges baute Fam. Pip hier zwei H√§user in der Bahnhofssra√üe und betrieb im r√ľckw√§rtigen Teil (wie schon vor dem Krieg) einen Baustoffhandel. Dieses Areal steht heute im Mittelpunkt der arch√§ologischen Grabungen.

In Presseberichten aus √§lterer und j√ľngerer Zeit wird auch immer wieder von Spuren der alten Befestigungsanlage berichtet.

Die St.Vither Volkszeitung (SVZ) vom 4. Mai 1937 berichtete von Ausschachtungsarbeiten vor dem Hause Esselen (lag etwa gegen√ľber dem heutigen Hotel Pip-Margraff) zur Legung einer Gas- und Wasserleitung durch den Ascheider Wall, bei der in geringer Tiefe 2 m dicke Mauerreste freigelegt wurden. Laut Zeitungsbericht bezweifelte man jedoch, dass diese Mauern Teil der Ringmauer seien, da man die Statdtmauer „von der Fundstelle aus gesehen etwa 20 Meter zur√ľck nach der Hecking- und Schulstra√üe  (heute Major-Long-Stra√üe) zu“ vermutete. Ferner wird erw√§hnt, dass man bei der Fundamentierung des Hauses Wilhelm Margraff (heute Hotel Pip-Margraff) im Jahre 1875 auf eine sandige Tonschicht (Lettschicht) gesto√üen sei, die den Wassergraben der Festung andeutete.

Am 25.5.1974 schreibt das Grenz-Echo, dass man das Teilfundament eines Turms der ehemaligen Burg aufgedeckt habe. Bereits 1926 habe man einen Teil dieses Turmfundaments beim Bau des Nachbarhauses in 2,5 m Tiefe vorgefunden. Der Turm hatte einen Durchmesser von 6 m.
Reste der Ringmauer sind indes schon öfter bei Bauarbeiten zu Tage getreten, zuletzt bei der Erneuerung der Hauptstraße im Jahre 1999 (GE, 8.6.1999).

   K.D. Klauser

 

Abgelegt in Allgemein, Geschichtliche Themen

Geschrieben am 18.11.2020

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