1 Hubert Jenniges: Heimatgeschichte ĂŒber die Grenzen hinweg | Geschichts- und Museumsverein Zwischen Venn und Schneifel (ZVS)

Hubert Jenniges: Heimatgeschichte ĂŒber die Grenzen hinweg

Abgelegt in Heckingschild

Geschrieben am 12.11.2011

Schlagwörter: , , , , , ,

Laudatio fĂŒr Hans-Josef Schad anlĂ€sslich der Verleihung des Heckingschildes durch den Geschichts –und Museumsverein “Zwischen Venn und Schneifel”  am 12. April 2008 im Rathaus der Stadt St.Vith
Werter Herr Schad, sehr geehrte Frau Schad,
meine Damen und Herren,

Es geschah zu Beginn des Jahres 1967. Da traf bei der Schriftleitung der Zeitschrift “Zwischen Venn und Schneifel” in St.Vith ein dicker Briefumschlag ein, der von den Herausgebern erwartungsvoll entgegengenommen wurde. VerstĂ€ndlicherweise! War man ja in diesen Anfangsjahren des Geschichtsvereins auf der Suche nach qualifizierten Mitarbeitern, um neue Themen und neue Ideen in die junge Monats-Schrift einflieÎČen zu lassen, die -damals wie heute- mit anspruchsvoller Regionalgeschichte aufwarten wollte.
Der Brief war in Auw (damals Kreis PrĂŒm) abgestempelt. Er enthielt einen Artikel aus der Feder von Hauptlehrer Hans-Josef Schad mit dem Titel “Waren die ersten Siedler zwischen Ommerscheid und Schneifel Sachsen?”
In dem Beitrag ging der Autor auf die “Sachsentheorie” ein, jene im 19. Jahrhundert, auch von Dr. Anton Hecking bemĂŒhte Hypothese, wonach Teile der Westeifel -auf Grund sprachlicher Elemente und des ĂŒberlieferten Stockerbenrechts- von aufmĂŒpfigen Sachsen besiedelt worden seien, die Karl der GroÎČe kurz nach dem Jahre 800 in die unwirtlichen Gefilde von Venn und Schneifel zwangsdeportiert haben soll.
Kritisch wurde der Beitrag von der ZVS-Redaktion unter die Lupe genommen – nicht deshalb, weil man keine Nachfahren sĂ€chsischer StrĂ€flinge sein wollte – nein, die historische Essenz wurde ĂŒberprĂŒft. Dann kam das Urteil des Altmeisters unseres Geschichtsvereins, Dr. Bernhard Willems: “Dieser Mann aus Auw”, so meinte er, der gerne lateinische AusdrĂŒcke in seine Rede einflieÎČen lieÎČ, “dieser Mann ist ein ‘corvus albus’, ein weiÎČer Rabe; den mĂŒssen wir uns warm halten”.
Wir haben den Rat von Dr. Willems befolgt; denn zwischen der ZVS-Redaktion und dem “corvus albus” aus Auw entwickelte sich eine freundschaftliche, erfrischende und immer wieder fruchtbare Zusammenarbeit, die ihren Niederschlag in einer FĂŒlle regional –und kulturgeschichtlicher BeitrĂ€ge und Studien fand. So erschienen seit dieser ersten Kontaktnahme 1967 bis zum heutigen Tag in den MonatsblĂ€ttern “Zwischen Venn und Schneifel” ĂŒber 60 BeitrĂ€ge von Hans-Josef Schad; davon viele gemeinsam mit seiner Gattin Gisela. Beide, Hans-Josef Schad und Frau Gisela, bilden ein Tandem. Ein Tandem ist ein ZweiergefĂ€hrt, das leider stets mehr und mehr verschwindet – und dies nicht nur aus unserem StraÎČenbild.

Hans-Josef Schad, den wir heute ehren, stammt nicht aus unserer Grenzregion. Geboren wurde er 1935 in Roxheim (Kreis Kreuznach), wo er die Volksschule mit kriegsbedingten Unterbrechungen besuchte. Schad gehört also einer Generation an, die damals noch zu jung war, um die HintergrĂŒnde der Kriegsereignisse begreifend einzuordnen, aber alt genug, um die Dramatik derselben  aufzunehmen, die Gefahren dieser schlimmen Zeit wahrzunehmen und Ereignisse mitzuerleben, schöne und weniger schöne, die bleibende EindrĂŒcke hinterlassen haben.
Die spĂ€teren Bildungsstationen von Hans-Josef Schad fĂŒhrten ĂŒber das Bischöfliche Konvikt und das altsprachliche Gymnasium in Linz am Rhein, und nach seinem Abitur in MĂŒnstermaifeld, an die PĂ€dagogische Akademie in Trier, wo er 1958 sein Lehrerdiplom erhielt.

Das Land zwischen Venn und Schneifel hatte Hans-Josef Schad erst im Oktober 1959 kennen gelernt, als er das Lehreramt in Auw antrat, wohin er auf eigenen Antrag versetzt worden war. Dieses Land wurde ihm und seiner Gattin Gisela Stephany, gleichfalls PĂ€dagogin, recht schnell zur zweiten Heimat und zum Gegenstand emsiger Forschungen. Als Schulleiter in Auw amtierte er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 2000.
A propos Stephany: Bei Frau Schads Familiennamen wird jeder Kenner des Regionalgeschehens hellhörig. Da gab es doch den bereits legendarischen Aachener Domkapitular und Domkustos, Prof. Dr. Erich Stephany, ein Experte auf dem Gebiet der christlichen Kunst. Er war ein Onkel von Frau Gisela Schad-Stephany.

Der neue Heckingschild-TrĂ€ger veröffentlichte -auÎČer in der ZVS-Monatsschrift- auch in den bekannten PublikationstrĂ€gern des PrĂŒmer Landes, der Eifel und der Region Rhein-Mosel-Maas: in verschiedenen Sammelwerken, in der Monatszeitschrift “PrĂŒmer Land”, in deren Erscheinungszeit von 1971 bis 1986; im “PrĂŒmer Landboten”, der Zeitschrift des PrĂŒmer Geschichtsvereins; im Eifelvereinsblatt, im “Eifeljahrbuch” sowie in den JahrbĂŒchern der Kreise PrĂŒm (spĂ€ter Bitburg-PrĂŒm) und Daun (ab 2007 Landkreis Vulkaneifel). Auch in der Tagespresse “Trierische Landeszeitung” und “Trierischer Volksfreund” finden wir wiederholt seinen Namen unter historischen, kulturellen und touristischen BeitrĂ€gen. Hinzu kommen mehrere Festschriften und SonderbeitrĂ€ge, die alle in der geschichtlichen und kulturellen Architektur unseres Gebietes wertvolle Bausteine darstellen. Das Gesamtwerk von Hans-Josef Schad dĂŒrfte die stolze Zahl von ĂŒber 220 Titeln erreichen, darunter -wie bereits erwĂ€hnt- rund 60 ZVS-BeitrĂ€ge.

Die “Forschungsheimat” des neuen HeckingschildtrĂ€gers ist das Rhein-Mosel-Maas-Gebiet; in der Zusammenziehung dieser Eckpunkte ist es der engere Raum an den HĂ€ngen von Venn und Schneifel und hier ganz besonders die Schneifel an ihrer sensibelsten Nahtstelle, das deutsch-belgische Grenzland am Oberlauf der Our.
In Schads Forschungsarbeit wird nicht nur mit alten vorgefassten Meinungen, wie mit der umstrittenen “Sachsenbesiedlung” aufgerĂ€umt, da erscheinen immer wieder neue, originelle Erkenntnisse, mit einer soliden BeweisfĂŒhrung ausgestattet, wie die Lokalisierung frĂŒhgenannter Grenzpunkte auf der Schneifelhöhe, die Bearbeitung der WeistĂŒmer und das Fortleben alter Rechtsgewohnheiten, die Pilgerwege und die faszinierende Ausstrahlung der Pilgerorte, die historische Leistung des Königshofes Manderfeld, wertvolle Erkenntnisse zur Entstehung unserer Orte – um nur einige der behandelten Themen zu nennen. Nicht zu vergessen: Eine grĂŒndliche “Ostbelgienkunde”, erschienen unter diesem Titel im “PrĂŒmer Land” 1979! Und dann immer wieder die Grenzlandproblematik – ein tagtĂ€glich hautnah erlebtes PhĂ€nomen in der Grenzortschaft Auw, dem wir gleich noch eingehender unsere Aufmerksamkeit widmen wollen.
Aus diesem GesamtĂŒberblick stechen zwei Publikationen ganz besonders hervor: Die eine ist zwar weniger bekannt, inhaltlich aber umso reichhaltiger – ich nenne sie mal das “SchadÂŽsche FrĂŒhwerk”. Es sind die “Auwer Heimatkundlichen Hefte”.
Die andere Veröffentlichung aus Schads Feder wurde zu einem “regionalgeschichtlichen Bestseller”: Es ist eine Studie ĂŒber den Hexenpastor Michael Campensis, jenen Pfarrer in Auw, der im FrĂŒhjahr 1630 wegen “TeufelsbĂŒndelei”als Hexenmeister auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde.
Das “FrĂŒhwerk”, die “Auwer Heimatkundlichen Hefte”, ist heute auf dem heimatgeschichtlichen BĂŒchermarkt Ă€uÎČerst selten geworden. Es ist eine mit einer VervielfĂ€ltigungsmaschine hergestellte Schriftenreihe, die 1965 erstmals den Weg in die Öffentlichkeit antrat, wobei jedes Heft ein an sich abgeschlossenes Thema behandelte. 16 Hefte umfasst dieses “FrĂŒhwerk”, das inhaltlich von der PrĂ€historie bis zu den Schmugglergeschichten der Nachkriegszeit und zu einer kritischen Dokumentation des Nationalsozialismus in den Schneifelorten reicht und eine FĂŒlle regionalgeschichtlicher Fakten in ansprechender und allgemein verstĂ€ndlicher Weise vermittelt.
Die Geschichte des Hexenpastors Michael Campensis -sie erschien 1978 als Nr. 9 der Schriftenreihe “Zwischen Venn und Schneifel”- kann, wie bereits angedeutet, als der spektakulĂ€rste Forschungsertrag von Hans-Josef Schad angesehen werden. Es ist der mit kriminalistischem SpĂŒrsinn aufgearbeitete Fall eines Pfarrers, der in der Zeit des Hexenwahns im FrĂŒhjahr 1630, nach einer ĂŒber 30jĂ€hrigen TĂ€tigkeit in Auw auf dem Scheiterhaufen enden musste. Es ist eine ungeheuerliche Geschichte, die sich in diesem stillen Eifeldorf vor 380 Jahren abgespielt hat; ein Ereignis, das die spĂ€teren Generationen geprĂ€gt hat, was diese jedoch nicht wahrhaben wollten. Der Name Campensis wurde nĂ€mlich systematisch aus den Akten getilgt. Ihn durfte es einfach nicht gegeben haben.
Hans-Josef Schad zerpflĂŒckt den VerdrĂ€ngungsprozess, er zerfetzt den Schleier der um den Fall gelegten Geheimnistuerei, er entlarvt die Methoden offiziell gesteuerter Vorverurteilungen. Ihm gelingt es, lĂ€ngst verwischte Spuren zu sichern, und schlieÎČlich einen Mann zu rehabilitieren, der das unschuldige Opfer einer Zeit höchster geistiger Verwirrung geworden ist.
Es ist nicht nur eine intellektuelle Rehabilitierung, sondern auch eine materiell sichtbare Wiedergutmachung, denn auf Initiative von Hans-Josef Schad und seiner Gattin wurde unweit der HinrichtungsstĂ€tte “Auf dem Radsberg” bei Auw ein Gedenkkreuz fĂŒr Michael Campensis errichtet.

Wenn wir das heimatgeschichtliche Werk von Hans-Josef Schad ĂŒberblicken, so ergibt sich eine WĂŒrdigung auf dreifacher Ebene:
Erstens: Seine Veröffentlichungen stellen eine substanzielle Aufwertung der Regionalgeschichte dar; zweitens: erhöhen sie den Stellenwert des Begriffs Heimat; und drittens analysieren sie die Grenzlandproblematik emotions-und  komplexfrei.

ZunÀchst die Aufwertung der Regionalgeschichte:
Hans-Josef Schad versteht es, in anschaulicher Weise die behandelten Ereignisse in ihren historischen Zusammenhang zu setzen. Da passt alles ineinander. Da wird Geschichte zum Erlebnis. Er vermittelt uns die fĂŒr manchen unerahnte Gabe, ĂŒber das Vergangene zu staunen. Wir brauchen das Staunen seit der frĂŒhesten Kindheit als Ansatz unserer Bewusstseinsbildung und folglich unseres Wissens. Wir brauchen stĂ€ndig in unserem Leben das Staunen und die Neugier: in der Begegnung mit dem Neuen….. und mit der Vergangenheit, die ja auch immer wieder neu ist.
In seinen heimatgeschichtlichen Recherchen geht Hans-Josef Schad allen Spuren nach, um ein korrektes Bild zu erhalten, das dem Geschehenen möglichst entspricht. Jeder Hinweis wird, wie bei der Kripo, genauestens ĂŒberprĂŒft, gegengeprĂŒft und abgewogen. Hans-Josef Schad und seine Frau – das ist, man gestatte mir den Vergleich, die “Soko” der Eifelgeschichte. Schließlich wird ĂŒberlegt, ob der historische Befund noch in unsere Zeit hineinwirkt. Oder anders formuliert: Welche Spuren erinnern heute noch an die frĂŒheren Geschehnisse? In der Literatur beispielsweise, in den Archiven, im noch lebendigen Sagengut, in den Haus- und Flurnamen oder im  bestehenden Brauchtum?
Wenn “Geschichte schreiben” heiÎČt, Fakten und Jahreszahlen eine Physiognomie zu geben, sie lesbar zu machen, sie den Zeitgenossen lebhaft zu vermitteln, dann geschieht dies in ansprechender Weise bei Hans-Josef Schad.
Es ist stets die ehrliche Suche nach einem Teil der Wahrheit; denn die volle Wahrheit gehört uns bekanntlich nicht; sie liegt jenseits unseres Begreifens und unseres Seins.
Zahlreiche Fakten hat Hans-Josef Schad so der Vergessenheit entrissen, in unseren Erinnerungsstand zurĂŒckgebracht und ihnen einen weiteren Bestand gesichert – ich denke an das tragische Schicksal des Michael Campensis. Ich verweise auch auf die spannende Suche nach dem bereits im Jahre 816 genannten Grenzpunkt “Buocha” auf der Schneifelhöhe, bei dessen Lokalisierung der in ferner Erinnerung schlummernde Hinweis eines alten Schreinermeisters aus Schlausenbach den Heimatkundler Hans-Josef Schad auf die richtige FĂ€hrte setzte.
Die Vergangenheit wird somit wieder greifbar. Das ist ein wesentliches Element! Denn das Geschehene, das vergessen ist, das keine materiellen Spuren hinterlassen hat und auch in der kollektiven Erinnerung nicht mehr prĂ€sent ist, hat nicht stattgefunden. Es hat in unserem historischen VerstĂ€ndnis nicht existiert, weil es geschichtslos geworden ist. Das wohl Schlimmste, das einem GedĂ€chtnis passieren kann, ist das Vergessen. Das gilt auch fĂŒr das kollektive GedĂ€chtnis. Tritt dieser Erinnerungsschwund ein, dann kommt es anfĂ€nglich bestenfalls noch zu verschwommenen “NachtrĂ€gen”, zu unkontrollierbaren Überlieferungen, zu dunklen Tradierungen, zu Sagen und Legenden, die gegebenenfalls noch den Volkskundler bewegen – mit denen aber der Historiker nicht mehr viel anzufangen weiÎČ. Schlussendlich fĂŒhren aber auch diese Erinnerungsfragmente unweigerlich in die Geschichtslosigkeit.

Zweitens: Aufwertung des Begriffs “Heimat”:
Hans-Josef Schad ist  ein Inspirator des Heimatgedankens. Er hat mit dazu beigetragen, dem viel geschmĂ€hten Begriff  “Heimat” in unserem Grenzland eine neue Gestalt und einen hellen Klang zu geben. Dies war nach der geistigen und materiellen Depression der Nachkriegszeit bitter nötig.
Zu diesem Thema hat Hans-Josef Schad vor 40 Jahren in “Zwischen Venn und Schneifel” ein bemerkenswertes Essay unter dem Titel “Was bedeuten uns Heimat und Heimatgeschichte?” geschrieben. Es ist ein Bekenntnis zur Heimat, ein Wort voller WĂ€rme, das uns wie kein anderes vertraut klingt, das man, vielleicht deswegen, in keine andere Sprache ĂŒbersetzen kann.
Jeder Mensch braucht nĂ€mlich ein bisschen Heimat. Der Mensch braucht die Geborgenheit der Heimat und folglich auch den RĂŒckblick auf seine Vergangenheit, auf die geschichtliche AusprĂ€gung seines Wesens in seinem heimatlichen Kreis. Dieses Wissen vermittelt die  Heimatkunde. In ihr offenbart sich nicht nur die Erforschung eines begrenzten Bereichs. Sie ist keineswegs das narzisstische Hinstarren auf den engen Daseinsraum. Sie fĂŒhrt, wie Hans-Josef Schad darlegt, zu einem besseren, abgerundeten VerstĂ€ndnis der allgemeinen Geschichte. Ja, der fruchtbarste Einstieg in die “groÎČe” Geschichte fĂŒhrt ĂŒber die Heimatgeschichte, weil diese den Menschen in seinem vertrauten und ĂŒberblickbaren Raum unmittelbar anspricht. Gerade in unserem geschichtstrĂ€chtigen Raum mĂŒssten die Lehrinhalte von dieser Maxime ausgehen. Als PĂ€dagoge hat Hans-Josef Schad den Wert der Heimatgeschichte erkannt und den Weg gezeigt, wie die Vergangenheit lebendig vermittelt werden kann.
NatĂŒrlich offenbart sich hier auch eine “regionale IdentitĂ€t”; ein Begriff, der in unserer Zeit der “Globalisierung”, der Überstaatlichkeit und postnationaler GedankengĂ€nge besonders attraktiv geworden ist. In der “regionalen IdentitĂ€t” schwingt ein gewaltiges LebensgefĂŒhl mit, denn in ihr entdeckt der dafĂŒr empfĂ€ngliche Mensch sein eigentliches “Ich”, vielleicht ein StĂŒck jenes Paradieses, das er wohl einmal verloren haben soll. Vielleicht erreicht der Mensch auf der Suche nach der Heimat zumindest die Eingangspforte zu diesem verlorenen Paradies.
Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts steht der Mensch vor UmwĂ€lzungen, die sich in einem rasenden Tempo vollziehen. Er steht permanent vor gewaltigen technologischen, geistigen, religiösen, wissenschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen, die heute – im Gegensatz zu frĂŒheren Geistesperioden – eine schnelle, möglichst umfassende und verbindliche Antwort einfordern und deshalb das geistige Gleichgewicht des Menschen sogar mehrfach in seinem Leben arg strapazieren. Sie haben den viel zitierten “Verlust der Mitte” bewirkt, das heißt den Verlust einer lebensbestimmenden Bindung; das VerwĂ€ssern, ja gar das Ausradieren verbindlicher Werte; den Bruch mit althergebrachten Traditionen, die Nivellierung bis zur Nichtigkeit von Verhaltensweisen und gesellschaftlichen Funktionen.
Ein solcher Bruch muss nicht unbedingt negativ oder destruktiv sein. Das Schlimme geschieht wohl dann, wenn nichts Gleichwertiges die Bruchstelle  fĂŒllt.  Diese ausgehöhlte Mitte kann unseres Erachtens -zumindest teilweise- durch die regionale Verbundenheit aufgefĂŒllt werden. Das ist, aus unserer Sicht, der geistige Beitrag, den Hans-Josef Schad anbietet.

Drittens: die grenzĂŒberschreitende Idee
Das dritte Element dieser WĂŒrdigung greift in den Alltag der Grenzlandsituation ein, die Hans-Josef Schad praktisch von seinem Gartenzaun aus in Auw beobachten kann. Das Ergebnis seiner Beobachtungen ist ein leidenschaftliches Plaidoyer fĂŒr eine offene, emotionsfreie, grenzĂŒberschreitende Zusammenarbeit.
In zahlreichen BeitrĂ€gen der 1970er-Jahre hat Schad das “GrenzgefĂŒhl” beschrieben, dann dasselbe im Jahre 2004 in einem geschichtlichen Vergleich der beiden Nachbarorte Auw und Manderfeld thematisiert und im vergangenen Jahr in einer Betrachtung ĂŒber Grenzen und Grenzvolk, unter dem Titel: “Über 40 Jahre Leben an der deutsch-belgischen Grenze” aktualisiert.
Schad lehnt die Vorstellung vom “Unabdingbaren und Einschneidenden einer Grenze” ab – ein klischeehaftes Bild, das er als Binnendeutscher, der 100 Km von der Grenze landeinwĂ€rts geboren wurde, in seiner  Kindheit und frĂŒhen Schulzeit erfahren hat. Das Unabdingbare einer Grenze, so schrieb er bereits 1972, habe sich schon aus der groÎČen bunten Landkarte an der Wand des Klassenraums ergeben, wo die Staaten mit einer dicken roten Linie scharf von einander abgegrenzt worden seien. Jeder Staat habe auch noch eine eigene Farbe gehabt, die ihn von den NachbarlĂ€ndern scharf abgestochen habe.
Doch spĂ€ter, am Gartenzaun von Auw, sah die Wirklichkeit anders aus: Diesseits wie jenseits der Our sprach man dieselbe Sprache, dieselbe Mundart, man pflegte das gleiche Brauchtum, man bebaute beiderseits der Grenze Äcker und Felder, die einst zusammengehörten und sich in einander verzahnten, und man hatte eine weitgehend gemeinsame Geschichte.
Dennoch hinterlieÎČ die Grenzziehung von 1920 tiefe Spuren: Eine andere Orientierung war entstanden, andere Vorbilder und Denkmodelle waren aufgebaut worden, andere Verhaltensweisen hatten sich entwickelt. Ein anderes Schulsystem, eine andere Administration, eine anders konzipierte Architektur, eine anders schmeckende Gastronomie bestimmen den Alltag. Selbst die gemeinsame hochdeutsche Sprache hat eine andere Klangfarbe erhalten. Diese Grenze ist nicht materiell, sie ist landschaftlich nicht greifbar: Sie ist in die Köpfe der Eifelmenschen hineingepflanzt worden.
Indessen kann die “Gesinnungsgrenze” nicht mehr abgebaut werden, trotz der Geldströme Europas fĂŒr grenzĂŒbergreifende interregionale Initiativen, die, wie ein nicht leer werdendes FĂŒllhorn, gerne in Anspruch genommen werden und natĂŒrlich auch in Anspruch genommen werden sollen. Wohl können und sollen die Grenznachbarn enger zu einander rĂŒcken und sich einander anschmiegen, wie ein altes Paar, das sich nach Jahren der Entfremdung wiederfindet.
In diesem Sinne plĂ€dierte Schad fĂŒr eine Arbeitsgemeinschaft St.Vith-PrĂŒm. In diesem Sinne propagierte er den Slogan “Grenzen auf”. “Diesem Grenzland”, so schrieb er 1971, “falle beim  Abbau der Grenzen eine ganz wichtige Rolle zu, die auch fĂŒr andere Regionen Europas von Bedeutung sein kann…Dieses Gebiet zwischen Venn und Schneifel soll den Charakter des Landes der Mitte und der Vermittlung weiter ausbauen. Es wird dann ĂŒber sich selbst hinauswachsen und dem gröÎČeren Ganzen dienen. Dann ist unsere Heimatverbundenheit und Heimatliebe nicht nur Selbstzweck, sondern dann wird ihr das rechte VerhĂ€ltnis zu dem gröÎČeren Rahmen zugewiesen”. Zitat von Hans-Josef Schad aus dem Jahre 1969.
Er schrieb dies in einer Zeit, wo GrenzĂŒberschreitung, vor allem Begegnungen alter Nachbarn ĂŒber die Grenze hinweg noch keine SelbstverstĂ€ndlichkeit waren. Es war eine aufmunternde Stimme, wenn man bedenkt, dass die Zeit noch nicht so weit zurĂŒcklag, dass die Grenze, auÎČer wenigen weit voneinander liegenden ÜbergĂ€ngen und einigen Schlupflöchern, die nur Schmugglern bekannt waren, praktisch dicht gemacht worden war; dass die Zeit noch in lebhafter Erinnerung war, als ein deutscher Generalkonsul in Belgien beim AuswĂ€rtigen Amt in Bonn die Erlaubnis einholen musste, um einem hiesigen Gesangverein anlĂ€sslich eines FestjubilĂ€ums eine BeethovenbĂŒste zu schenken. Dieses hyper-vorsichtige Vorgehen der deutschen Behörden entsprach der Reaktion des verbrannten Kindes, welches das Feuer scheut. Es war die bewusst betriebene Ignorierung deutscher Kultur im Ausland aufgrund der semantischen Aufladung einschlĂ€giger Volkstumsbegriffe durch den Nationalsozialismus.
Hans-Josef Schad hat damals selbst die bescheidensten grenzĂŒberschreitenden Initiativen lebhaft begrĂŒsst, die sich zum Beispiel in schĂŒchternen Kontakten bemerkbar machten, die zwischen Vereinen beiderseits der Grenze geknĂŒpft wurden; Initiativen, die spĂ€ter durch gemeinsame Veranstaltungen gekrönt wurden und auch in der Presse ihren Widerhall fanden. Hans-Josef Schad schrieb darĂŒber; auch ĂŒber das Medium, das keine Grenzen kennt, ĂŒber den “Belgischen Rundfunk”, der in den 1960er- Jahren in den deutschen Schneifeldörfern so intensiv gehört wurde, dass der Sender hier liebevoll und ohne jeden Spott in “Radio Weckerath” umgetauft wurde.
In der grenzĂŒbergreifenden AnnĂ€herung erhielt auch der Geschichtsverein “Zwischen Venn und Schneifel” einen besonderen Platz. Dazu schrieb Hans-Josef Schad 2004 in dem bereits zitierten Aufsatz: “Gerade die bewusste Festlegung auf die grenzĂŒberschreitende Landschaftseinheit von Venn und Schneifel bewog uns (ihn und seine Gattin) seit 1967 BeitrĂ€ge in ‘ZVS’ zu veröffentlichen”.
Hier erhĂ€lt der europĂ€ische Gedanke einen bodenstĂ€ndigen Anker. Hier wird die Heimatkunde zur direkten BrĂŒcke der gegenseitigen VerstĂ€ndigung – und innerhalb eines kleinen Raums zu einer Quelle der SolidaritĂ€t und Toleranz.
Denn wo könnten wir die Toleranz am wirksamsten ausĂŒben? Doch wohl in dem Bereich, wo wir zu Hause sind, in der uns vertrauten SphĂ€re, die wir Heimat nennen, die wir lieben, deren zuweilen schmerzhafte Geschichte uns einander nĂ€her bringt, und deren GefĂŒge und Beschaffenheit uns ĂŒberblickbar erscheinen. Sind das nicht alles Voraussetzungen, die ein gegenseitiges VerstĂ€ndnis und ein “Sichbegreifen” erleichtern, und die uns schlieÎČlich vor jedem extremen Blendwerk schĂŒtzen?

Meine Damen und Herren!
Als man an mich herantrat, diese Laudatio zu halten, habe ich sehr gerne zugesagt. Aus zwei GrĂŒnden:
ZunĂ€chst weil diese WĂŒrdigung mir auch die Gelegenheit gibt, mal einiges zu sagen –das auszusprechen, das uns beide, Sie Hans-Josef Schad und mich, in dieser herrlichen, leider auch geschundenen Grenzlandschaft seit Jahren,  ja  Jahrzehnten treibt, immer wieder antreibt und bewegt.
Und zweitens, weil diese Feierstunde die alte Verbundenheit zwischen Ihnen, dem Geschichtsverein und mir bekrĂ€ftigt, eine Verbindung, die sich bereits ĂŒber vier Jahrzehnte lang zurĂŒckverfolgen lĂ€sst, wie mir heute noch die Durchsicht meines Briefarchivs gezeigt hat. Das wird auch so bleiben, solange wir auf diesem Globus noch herumwandeln dĂŒrfen.

Werte Frau Schad, lieber Herr Schad!
Betrachten Sie diese WĂŒrdigung als eine “heimatkundliche Seligsprechung”. Sie ist die Anerkennung fĂŒr Ihre erfolgreiche Arbeit, wofĂŒr wir Ihnen dankbar sind.