1 Zum Tode von Kurt Fagnoul | Geschichts- und Museumsverein Zwischen Venn und Schneifel (ZVS)

Zum Tode von Kurt Fagnoul

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Geschrieben am 21.05.2009

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Zum Tode von Kurt Fagnoul

In der Nacht vom 21. zum 22. Mai 2009 verstarb unser Gr√ľndungspr√§sident Kurt Fagnoul, der dem Verein w√§hrend 33 Jahren, von 1965 bis 1998 vorstand. Mit seinem unverw√ľstlichen Humor und seiner Leutseligkeit hat er den Geschichtsverein gepr√§gt und in den ersten schwierigen Jahren seines Bestehens durch manches Fahrwasser geleitet, das nicht ohne Untiefen war.

Kurt hat schon als Jugendlicher gelernt, was es hei√üt, mit den Untiefen des Lebens zurecht kommen zu m√ľssen, denn als 16j√§hriger Flakhelfer wird ihm gewiss mehr als einmal existentielle Angst und Verzweiflung bewusst geworden sein. Der Tod seines Bruders, der als deutscher Soldat gefallen war, hat bei ihm tiefe Wunden hinterlassen und hat ihn wohl auch zur Auseinandersetzung mit unserer j√ľngeren Geschichte motiviert. Der Krieg als menschenverachtendes und menschenzerst√∂rendes Werk ist denn auch Thema der ersten Buchver√∂ffentlichung des noch jungen Geschichtsvereins, an der Kurt Fagnoul ma√ügeblich beteiligt war: In „Kriegsschicksale 1944/45“ beschreiben er und andere Zeitzeugen den Verlauf der Ardennenoffensive und schildern n√ľchtern und nachvollziehbar, wie Zerst√∂rung und Tod sich von Dorf zu Dorf, einer Feuerwalze gleich, fortbewegten. Im Zuge dieser Ver√∂ffentlichung reichten sich in St.Vith die ehemaligen Gegner – Amerikaner und Deutsche – die Hand zur Vers√∂hnung. Als ZVS-Vorsitzender war Kurt Fagnoul ma√ügeblich am Zustandekommen dieser Geste der Vers√∂hnung beteiligt.

Die Zerst√∂rung St.Viths und das Schicksal seiner Einwohner sowie das der Bewohner des Landes zwischen Venn und Schneifel werden in mehreren Ver√∂ffentlichungen aufgegriffen: „St.Vith im Schatten des Endsieges“ (1980), „Beitr√§ge zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges“ (1982), „Der verh√§ngnisvolle Irrtum“ (Mitautor, 1982), „Mut zur eigenen Geschichte“ (Mitautor, 1994), „Die M√§rtyrerstadt St.Vith im 2. Weltkrieg“ (1999). In der ZVS-Publikation „Ende und Wende“, die er mit seinem Freund und Weggef√§hrten Hubert Jenniges 1995 herausgab, berichten Augenzeugen von ihren Kriegserlebnissen.

Neben den traumatischen Kriegserfahrungen war wohl auch seine Verbundenheit zu seinem Lebensraum, seinem Heimatdorf Montenau und seiner Wahlheimat St.Vith Ideenstifter und Triebfeder seiner Publikationen. Schon in den ersten Monatsbl√§ttern des Geschichtsvereins finden sich seine Beitr√§ge zu seinem Heimatdorf Montenau, zum hiesigen Brauchtum, zur Pfarrgeschichte oder zu markanten Pers√∂nlichkeiten. In diesen Beitr√§gen taucht auch immer wieder das Thema Krieg und Nachkriegszeit auf. Sein Arbeitseifer und die Themenvielfalt kannten offenbar keine Grenzen, denn √ľber 250 Beitr√§ge aus einer Feder erschienen bis 2007 – dem Zeitpunkt, an dem eine Krankheit seinen Schaffensdrang l√§hmte. Neben den vielen ZVS-Beitr√§gen ver√∂ffentlichte Fagnoul weitere Buchpublikationen bzw. beteiligte sich als Mitautor an heimatgeschichtlichen Ver√∂ffentlichungen: „Die annullierte Annexion“ (1985), „Glocken aus Kirchen, Kl√∂stern und Kapellen“ (1989), „St.Vith in alten Zeiten“ (2001) sowie viele Dorfchroniken tragen seine Handschrift, wobei er stets darauf achtete, dass seine Texte allgemein verst√§ndlich und anschaulich verfasst waren.

Im hiesigen Brauchtum und in der geschichtlichen Vergangenheit seiner Wahlheimat St.Vith fand er weitere Bet√§tigungsfelder seines geschichtskundlichen Schaffens: die St.Vither Junggesellen, die Feuerwehr oder historische St√§tten oder Pers√∂nlichkeiten St.Viths finden sich als Themen verschiedener Publikationen aus seiner Feder. Mit seinen unz√§hligen Mundartbeitr√§gen, die er w√§hrend 40 Jahren unter dem Titel „D√§n Mond voll Platt, van dett on datt“ in den ZVS-Heften ver√∂ffentlichte hat Kurt Fagnoul unserer Muttersprache, dem Plattdeutschen, nicht nur ein Denkmal gesetzt, sondern er hat auch das Bewusstsein f√ľr unseren Dialekt gesch√§rft und mit dazu beigetragen, dass dem leider immer noch schleichenden Verfall der Mundart etwas Einhalt geboten wurde. Vor allem aber hat er dadurch bewirkt, dass wir stolz auf unsere sprachliche Eigenheit sein k√∂nnen – den moselfr√§nkischen und den ripuarischen Dialekt, der ja schon zur Zeit der Karolinger in √§hnlicher Weise wie heute gesprochen wurde. Sein Buch mit plattdeutschen Anekdoten erschien √ľbrigens schon 1975. In dem Zusammenhang sind dann auch die zahllosen Radiosendungen zu nennen, die der BRF jahrelang ausstrahlte und die sich noch heute (mit seinen Nachfolgern) gro√üer Beliebtheit erfreuen.

Als Mitgr√ľnder des Geschichtsvereins hat Kurt das Amt des Vorsitzenden mit Herz und Verstand, mit Humor und Seriosit√§t sowie mit Umsicht und Toleranz ausge√ľbt. In den schwierigen Anfangsjahren, als der junge Verein von einem belgisch-nationalen √úberwachungskomitee beobachtet wurde und die Monatszeitschrift durch die Fusion der St.Vither Zeitung mit dem Grenz-Echo auf ein neues Gleis gebracht werden musste, zeigte sich der Vorsitzende mit seiner Mannschaft als beherzt und engagiert im Dienst der heimatlichen Geschichtsforschung auftretend. Unter Fagnouls tatkr√§ftiger Regie wurde der junge Verein in den ausgehenden 1960er- Jahren in eine definitive Form gegossen, wie es H. Jenniges formulierte. (ZVS, 2005, S.196). Fagnouls¬† Vereinsf√ľhrung war volkst√ľmlich, den Satzungen verpflichtet und engagiert; der oft geh√∂rte Ausdruck „Kurt on senge Verehng“ bringt wohl treffend zum Ausdruck, wie die Person Fagnouls als identit√§tsstiftend und richtungsweisend f√ľr den Geschichtsverein wirkte. Auch nach seiner Zeit als Vorsitzender blieb er dem Verein verbunden, lieferte Textbeitr√§ge, bereicherte die Arbeitssitzungen mit humorvollen und sachlich wichtigen Hinweisen und stand den j√ľngeren Verantwortungstr√§gern als Ratgeber gerne zur Verf√ľgung.

F√ľr seine geschichts- und heimatkundliche T√§tigkeit ist Kurt Fagnoul mit manchen bedeutenden Preisen ausgezeichnet worden, wie dem RDK-Preis f√ľr Literatur (1977), dem Rheinland-Taler (1981), dem Geschichtspreis des Gemeindekredits (1981), dem Benediktspreis der Stadt M√∂nchengladbach (1987), den Geschichtspreis des RDG (1992) und nicht zuletzt mit dem Heckingschild des Geschichtsvereins (1998). All diese Preise hat er sich durch seine
Sachkenntnis, seinen Fleiß, seine Offenheit und seinen ehrenamtliche Einsatz verdient, denn das heimatgeschichtliche Engagement Kurt Fagnouls begrenzte sich gewiss nie an reiner Vereinstätigkeit, sondern war an der Vermittlung von geschichtlichen Inhalten und an der Verständigung einstiger Gegner ausgerichtet.

Seine Krankheit, die ihn seit einigen Jahren zum Ruhetand zwang, sowie der Tod der √§ltesten Tochter haben seinem Elan einen herben R√ľckschlag aufgezwungen. Dennoch bewahrte er sich seine Gelassenheit und seine religi√∂se √úberzeugung, der zufolge er nun zu Gott heimgekehrt ist. Er ruhe in Frieden.

K.D. Klauser,
Vorsitzender des „ZVS“