Vereinsnachrichten

Feier zum Gedenken an Hubert Jenniges
(Kapelle Krewinkel, 27. April 2013)

Ansprache von Herrn Albert Peters, Vorsitzender der Vereinigung „Kulturkapelle Krewinkel“

Liebe Mieke, liebe Ricarda und lieber Wolfgang ,
Liebe Familien Jenniges und Gaspers,

Sehr geehrter Herr Parlamentspräsident Miesen,
Sehr geehrte Frau Ministerin Weykmans,
Sehr geehrter Herr Velz, Parlamentarier  der DG,
Sehr geehrter Ritter Bourseaux,
Sehr geehrter Herr Pastor Schumacher,
Sehr geehrte Damen und Herren des Gemeindekollegiums,

Sehr geehrter Präsident des Geschichtsvereins „ZVS“, Herr Klauser,
Liebe Kollegen vom Vorstand des Geschichtsvereins „ZVS“ ,
Sehr geehrte Ehrenbürgermeister Hagelstein und Palm,
Sehr geehrte Ehrenschöffen Genten und Grommes;
Begrüßen darf ich den Bürgermeister der Gemeinde Amel, Herrn Schumacher,

Sehr geehrte Damen und Herren des Gemeinderates Büllingen,
Liebe Mitglieder und Kollegen der Kultur Kapelle Krewinkel,
Herzlich heiße ich auch das Kamerateam willkommen, welches diese Feierstunde aufzeichnen wird.

Entschuldigen möchte ich Herrn Bischof Aloys Jousten dessen kurzes Gru߬wort ich gleich vortragen möchte, sowie die Herren Alfons Thunus, Rudi Plattes, Peter Thomas, Horst Schröder, Rudi Klinkenberg, Paul Maraite und Heinz Warny, die sich alle im Ausland aufhalten und somit nicht zu dieser Feierstunde kommen konnten. Ebenfalls lassen sich die Herren Bürgermeister Wirtz, Maraite und Danemark, die Parlamentarier der DG, Frau Arens und Herr Balter sowie das Gründungsmitglied des Geschichtsverein „ZVS“, Herr Giebels entschuldigen.

Meine Damen und Herren,

der heutige Tag soll an einen großen Sohn der Eifel und einen der Heimat verbundenen Menschen erinnern. Seine Heimat war ja nicht nur Afst und das Manderfelder Land;  sie war der Landstrich zwischen Venn und Schneifel und seinen Ausläufern, so wie es soeben vom Mürringer Männerchor besungen worden ist. Es sind die schönen Seiten der Eifel mit ihren stolzen Frauen, hier als Hochlandsblüten bezeichnet, und die Eifelsöhne aus hartem Holz. Wir wissen alle: Landschaften prägen Menschen und Menschen prägen Land¬schaften.

Genau dieser Landstrich war Huberts Heimat – übrigens ein Wort das es nur in der deutschen Sprache gibt, der er stets aufs engste verbunden war. Und es war ihm wichtig, diesen Begriff nicht schnulzig verkommen zu lassen, sondern mit wertschaffenden Inhalten zu füllen. „ Was Heimat ist, begreift man erst, wenn man in der Fremde ist.“, sagt er in seinem Buch „Eifeler Kindheit“. Und Hubert hat schon in jungen Jahren den Weiler Afst verlassen müssen um in Herve seine schulische Ausbildung fortzusetzen und dann in Löwen sein Studium der Romanistik und Geschichte abzuschließen.

Ich werde auf das Wirken Huberts in unserem Verein und für den Erhalt dieser Kapelle in der Eröffnung dieses Festaktes eingehen. Gerhard Palm und Klaus-Dieter Klauser werden das historische und gesellschaftspolitische Werk Huberts in ihren Beiträgen würdigen.

Wenn wir für den Festakt die mittelalterliche Kapelle in Krewinkel ausgesucht haben, so soll dies nochmals die Liebe zu seiner Heimat sichtbar machen, war es doch Hubert, der sich maßgeblich für den Erhalt dieses Kleinods eingesetzt hat. Diese Kapelle ist nur  ein Zeichen der vielfältigen Initiativen, die vom Impulsgeber Hubert Jenniges ausgingen. Ich habe das Bemühen um den Erhalt und die Restaurierung dieser Kapelle als – na ja – junger Mann hautnah miterlebt und vieles während dieser Zeit von Hubert gelernt und mir dabei den Bazillus für  Geschichte eingefangen. Einige der daraus gezogenen Lehren möchte ich hier erwähnen:

–    Wenn etwas Altes erhalten werden soll, bringe viel Zeit und Geduld mit und sei auf Überraschungen gefasst, die viel Geld kosten.
–    Ist etwas umstritten, versuche Menschen zu überzeugen, nicht zu belehren.
–    Nutze deine Beziehungen, um für die Sache zu werben.
–    Vergiss bei deinen Bemühungen nicht, dass die Allgemeinheit oft andere Nöte und Sorgen hat und andere Prioritäten setzt.

Zum Erreichen dieses ehrgeizigen, da nicht unumstrittenen Zieles, diese Kapelle zu erhalten, war diplomatisches Geschick gefragt. Und Hubert Jenniges beherrschte die Kunst der Diplomatie; er war beharrlich in seinen Bemühungen, und wusste durch sein Auftreten zu überzeugen, ohne zu belehren.

Diese Kunst hat er auch bei der Gründung unserer Vereinigung an den Tag gelegt. Der zu dieser Zeit ins Stocken geratene Werdegang des Erhalts der Kapelle brauchte einen neuen Anstoß. Der Verfall der Kapelle schritt voran, und die Akzeptanz für den Verbleib der Kapelle an ihrem angestammten Platz im Dorfkern von Krewinkel hielt sich in Grenzen. Die Zeit war günstig, da Huberts Freund Gerhard Palm zunächst als Kulturschöffe und später zum Bürgermeister in Büllingen gewählt wurde: Mit ihm hatte er nun einen wichtigen Fürsprecher auf kommunalpolitischer Ebene für den Erhalt der Kapelle. Die geschichtsbewussten Menschen vom Vorstand des Geschichtsvereins „ZVS“ brauchte Hubert eh nicht zu überzeugen. Mit  Pfarrer Rudi Schumacher sicherte er sich die Zustimmung der kirchlichen Gemeinde und dann suchte er sich aus dem Ort einige Mitstreiter die seine Überzeugung mittrugen.
In dieser Zusammensetzung wurde im Dezember 1992 der „Kultur- und Museumsverein Kapelle Krewinkel“ aus der Taufe gehoben. Ziel war die Sensibilisierung der Bevölkerung für das Anliegen der Restaurierung. Mit den richtigen Menschen im Umfeld wuchs unser Verein in kurzer Zeit auf ca. 150 Mitglieder an. Das Startkapital kam vom Bornheimer Pfarrer Tesch, der in Krewinkel während des Krieges seine Feuertaufe in unmittelbarer Nähe der Kapelle erlebt und überlebt hatte und den der Verfall der Kapelle schmerzte. Er war mit Niklaus Thomas in langjährigem Kontakt und wollte einen Beitrag zum Erhalt der Kapelle leisten. In den ersten Jahren organisierte Hubert Ausstellungen und Vorträge die unsere Vereinigung, aber auch der Zielsetzung dienten.

Huberts großer Bekanntenkreis – heute würde man Netzwerk sagen – ermöglichte schrittweise die notwendige Unterstützung der kommunalen und gemeinschaftlichen Behörden. Selbst die zwischen der Wallonischen Region und der Deutschsprachigen Gemeinschaft stattgefundene Hin- und Rückübertragung des Denkmalschutzes konnte den begonnenen Prozess nicht mehr aufhalten. Als die Untersuchungen in der Kapelle Wand¬malereien zu Tage brachten und diese durch Herrn Schudel vom IRPA als national wertvoll eingestuft wurden, kam Schwung in die Akte der Restaurierung. Um die finanzielle Belastung für alle in einem erträglichen Rahmen zu halten, kontaktierte Hubert die König-Balduin-Stiftung.

Dank der König-Balduin–Stiftung, die die Freilegung finanziell unterstützte wollte, kam es zu einem projektgebundenen Spendenaufruf. Dieser Aufruf erbrachte eine riesige Summe. Hier muss ich das überaus große Engagement der Familie Bourseaux aus Eupen erwähnen. Sie spendete einen sehr hohen Betrag und leistete dadurch einen wesentlichen Beitrag, der als unmissverständliches Zeichen für den Erhalt der Kapelle bezeichnet werden muss.
Aber selbst die eigentliche Restaurierungsphase war von vielen Überraschungen und unerwarteten Zusatzarbeiten begleitet. So musste der Turm stabilisiert werden. Der damalige Minister Wilfred Schröder hat diese Mehrkosten mit einem Zuschuss der DG abgedeckt und damit die letzte Hürde bei der Deutschsprachigen Gemeinschaft beseitigt.

Aufgrund der finanziellen Unterstützung durch diese Institutionen wurde die Argumentation für die Restaurierung der Kapelle im Gemeinderat wesentlich erleichtert was schlussendlich auch zur finanziellen Absiche¬rung durch die Gemeinde geführt hat. Archäologische Untersuchungen ergaben neue Erkenntnisse, hielten aber die Frei- und Trockenlegung auf. Aber, und dies freute den Historiker, es gab auch neue Fakten und Belege zu diesem Bauwerk, die weitere Überlegungen und Auslegungen ermög¬lichten.
Ich gebe das in einer sehr gekürzten Form wieder und alles ist ganz sicher nicht in der eigentlichen Reihenfolge aufgeführt. Alle Ereignisse wurden in der korrekten Form in der Festschrift anlässlich der Wiedereröffnung der Kapelle im Jahre 2002 beschrieben.

Während dieser Bauphase musste aber auch an die Zukunft der Kapelle gedacht werden. Wer soviel Geld in die Hand nimmt, will auch eine Vision darüber haben, was danach mit dem Gebäude geschehen soll. Der ursprüngliche Gedanke, hier ein sakrales Museum einzurichten, wurde verworfen zugunsten eines lebendigen und zukunftsträchtigen Modells. Nach Huberts Vorstellung sollte hier ein Kulturraum in einer Kultur¬landschaft entstehen: Konzerte, Ausstellungen, Lesungen und Theater sollten hier Raum finden. Dieses Konzept hat der Deutschsprachigen Gemeinschaft und den Verantwortlichen der Gemeinde Büllingen gut gefallen.

Zum Glück konnte vorher die marode Ortsdurchfahrt von Krewinkel  saniert werden, was schließlich auch die schärfsten Kritiker beruhigte. Mit den vielfältigen privaten Bemühungen um die alte Bausubstanz ist Krewinkel nach Fertigstellung der Arbeiten an der Kapelle zu einem Ort mit besonderem Charakter geworden.
Wie sagte mir ein nach Lateinamerika ausgewanderte Eifeler einmal: „Die Dörfer der Eifel sind nicht mehr wiederzuerkennen. Ihr könnt stolz auf eure Heimat sein, hier hat sich was getan!“

Wir, die VoG „Kultur Kapelle Krewinkel“, führen nach 20jährigem Bestehen das von Hubert Jenniges begonnene Werk fort, indem wir uns der Maxime, guten Veranstaltungen in einer wunderbar restaurierten Kapelle Raum zu bieten, treu bleiben. Viele Künstler haben schon die herrliche Akustik und die schlichte jedoch einladende Atmosphäre dieses Kapellenraumes bewundert. Dadurch wird hier jede Veranstaltung zu einem Ereignis mit einmaligem Charakter.

Die Verankerung dieses Denkens in unseren Köpfen und unsere Erkenntnis, dass das Leben zwar steten Wandel beinhaltet, eine Zukunft aber nur durch Reflektierung des Vergangenen aufgebaut werden kann, verdanken wir auch dem Vordenker Hubert Jenniges. Er hat unserer Heimat nicht nur ein historisches Gedächtnis vermacht. Er wollte durch sein Denken und Handeln uns zu selbstbewussten Menschen mit einer eigenen Identität verhelfen. Aus diesem Grund sollten wir ihm ein stetes Andenken bewahren, und dankbar sein.
Denn: Dankbarkeit ist die Erinnerung des Herzens.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Grußwort des Hochwürdigen Herrn Bischofs Aloys Jousten

Liebe Familie Jenniges!
Sehr verehrte Damen und Herren!

Leider ist es mir nicht möglich, an der Feierstunde zum Gedenken an Hubert Jenniges teilzunehmen. Daher erlaube ich mir, einige Gedanken schriftlich zu übermitteln.
Hubert Jenniges war ein vielseitig begabter und interessierter Mensch. Auch Glaube und Kirche hatten einen wichtigen Platz in seinem Leben. Das habe ich in mehreren Begegnungen und aus Briefen heraushören dürfen. Hubert war ein tiefgläubiger Mann, ein Christ, der seine Überzeugung gerne und freimütig bekannte. Er war mit seiner Eifeler Heimat tief verbunden, verwachsen. Diesen seinen Wurzeln ist er treu geblieben bis zu seinem zu frühen Tod. Er ist selbst zu einem lebendigen Zeugen dessen geworden, was eine solche Verwurzelung aus einem Menschen zu machen vermag. Jedenfalls bin ich davon überzeugt, dass die Geschichte und auch noch die Gegenwart des Gebiets zwischen Venn und Schneifel seine Einwohner prägt. Somit ist es bezeichnend, dass die heutige Feierstunde in der Hubert Jenniges so sehr am Herzen liegenden mittelalterlichen Kapelle von Krewinkel stattfindet. Die Kapelle ist ein Denkmal, das zum Denken und Nachdenken anregt. Ist Hubert Jenniges nicht selbst ein solches Denkmal? Er hat Menschen mehrerer Altersstufen Denkwürdiges mit auf den Weg gegeben. Dafür sind wir ihm zu Dank verpflichtet.

+Aloys Jousten
Bischof von Lüttich

 

Ansprache von Herrn Klaus-Dieter Klauser, Vorsitzender des Geschichtsvereins „ZVS“

Liebe Mieke, verehrte Familie Jenniges,
Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Albert,
Meine Damen und Herren,

mit dem Tod von Hubert Jenniges am 19. Oktober 2012 endete eine Ära der ostbelgischen Geschichtsschreibung. Hubert Jenniges, in Afst aufgewachsen, aber schon als „Teenager“ – das Wort gab es damals noch nicht in unserem Sprachgebrauch – also schon als Teenager aufgrund schulischer und studen¬tischer Ausbildung und späterer beruflicher Tätigkeit aus der Eifel verzogen, ist diesem Landstrich verhaftet geblieben. Vielleicht hat der ständige Abstand zur geliebten Heimat eine Passion zu eben diesem Landstrich entfacht – eine Passion, die ihn in späteren Jahren zur intensiven Auseinandersetzung mit der Vergangenheit dieser Region veranlasst hat, seines Landes, in dem er seine letzte Ruhestätte auserwählt hat.

Hubert war keineswegs rückwärtsgewandt; seine Beschäftigung mit der Geschichte hatte etwas Aufklärerisches, etwas Identität Stiftendes und Selbst¬bewusstsein Schaffendes.
Hubert hatte Visionen, keine träumerisch verklärten, abstrusen Ideen, nein: realitätsnahe, bisweilen gewagte, aber in jedem Fall der gesellschaftlichen Entwicklung und dem Zeitgeist erwachsene Vorstellungen zur Zukunft seiner Heimat und der sie prägenden Menschen. Hubert hat dadurch auch Zeit¬geschichte geprägt, nicht lautstark, im Rampenlicht und arrogant, sondern bescheiden, wohl formuliert, eher im Hintergrund bleibend und den Konsens suchend – im Sinne der Sache und zum Nutzen der Gemeinschaft.

Die Gründung unseres Geschichtsvereins vor nahezu 50 Jahren ist ein solches Beispiel. Dieser Akt im Jahre 1965, an dem Hubert maßgeblichen Anteil hatte, bzw. als dessen geistiger Vater er gelten muss, fällt nicht von ungefähr in eine Zeit, als in Ostbelgien ein Hauch von Morgenluft wehte, in der die Menschen sich mehr und mehr ihrer sprachlichen und kulturellen Besonderheit im französischsprachig geprägten Umfeld bewusst wurden und in dieser Hinsicht auch Eigenständigkeit einforderten. Die Beziehungen zum deutschen Nachbarn waren 20 Jahre nach Kriegsende nämlich noch weit von der heute praktizierten Selbstverständlichkeit entfernt.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Der Geschichtsverein war nicht als verkappte sprachpolitisch agierende Gruppierung gedacht und ist auch nie als solche in Erscheinung getreten. Huberts Ansinnen war es, ganz im Sinne des vom deutschen Gelehrten Wilhelm von Humboldt (1767-1835) geprägten Mottos zu wirken: „Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft.“ Hubert hatte Zukunftsvisionen und er hatte ein solides historisches Rüstzeug, das eben diese Visionen wohl als realitätsnah erscheinen ließ.
Er hatte nicht nur Visionen, er hatte auch Gleichgesinnte an seiner Seite, die mit ihm diesen Schritt wagten. Zu nennen ist hier zunächst Margret Doepgen, die Verlegerin der St.Vither Zeitung, die wichtige Schützenhilfe beim Start des neuen Vereins leistete. Dann befreundete Heimatgeschichtler wie Kurt Fagnoul, der Dürler Pfarrer Heinrich Signon, Walter Reuter aus Weywertz, der das Protokollbuch des Vereins bis zum heutigen Tag mustergültig führt, der Büllinger Buchhändler Franz Jousten, der aus St.Vith stammende und in Aachen lehrende Ludwig Drees sowie der St.Vither Architekt Robert Linden, der ja auch hier in Krewinkel kein Unbekannter ist. Weitere Unterstützung erfuhr das Projekt „Geschichtsverein“ durch Dr. Bernhard Willems, Raymund Graf, Victor Rousseau, Ernst von Frübuss, Nikla Giebels und Wilhelm Pip.
Hubert hat sich bei seinem Engagement für den Verein sicher an dem vom ersten Ehrenpräsidenten Bernhard Willems formulierten Aufruf an jüngere Forscher leiten lassen, worin es heißt: „Seien Sie Geschichtler, also Geschichtsforscher, Historiker und nicht Publizisten, denen das Interessante, Gefallende und nicht das Wahre, das wirklich Gewesene am Herzen liegt.“
Seine Verbundenheit zu regionalpolitisch agierenden Parteien ist in dem Zusammenhang wohl Ausdruck dieser geistigen Haltung, die hinter die ostbelgischen Kulissen schaute und die im Übrigen im Anschluss aus berufenem Munde von Gerhard Palm gewürdigt werden.

Zurück zu Huberts Verdiensten für die ostbelgische Geschichtsschreibung. Hubert Jenniges hat nämlich wahrhaftig Geschichte geschrieben – im wahrsten Sinne des Wortes und auch im übertragenen Sinne. Zu nennen sind hier seine vielen Veröffentlichungen zur Siedlungs-, Orts- und Sozialgeschichte unseres Landstrichs (fast 400 Beiträge allein für unsere Monatszeitschrift), dann die zahlreichen und umfangreichen Abhandlungen für die Ortschroniken, die seit den 1970er Jahren unsere Bücherlandschaft bereichern, wie u.a. die Ver¬öffentlichung zur Kapelle Krewinkel (2001) oder die Manderfelder Ortschronik (2004). Als Geschichtsschreiber betätigte er sich auch in vielen Pressebeiträgen, in Rundfunksendungen oder bei Vorträgen, wobei sein journalistisches Handwerk, seine historische Vorbildung und seine Verwurzelung in der Eifel eine bemerkenswerte Symbiose eingingen, die wegen ihrer sachlichen Darstellungs¬weise, gespickt mit viel fachlichem Wissen, wegen ihres schnörkellosen Stils und nicht zuletzt wegen ihres gesunden Humors stets aufmerksame Leser und Zuhörer kannte.

Schauen wir uns seine Bibliographie einmal näher an.

Da sind zunächst die – nennen wir sie – heimatkundlichen Beiträge im engeren Sinne, die sich mit seiner näheren Heimat, dem Manderfelder Land befassen: Publikationen zur Burg Tornbach oder zum Elisabeth-Haus in Manderfeld, Ortschroniken von Dörfern und Weilern des Manderfelder Landes, dann natürlich hat er die Kapelle Krewinkel thematisiert, aber auch kulturelle und soziale Phänomene wie das lokale Brauchtum oder die Amerikaauswanderung. Übrigens: Wussten Sie, dass Huberts Urgroßmutter Anna Katharina Fösges sich der geplanten Auswanderung nach Amerika im letzten Moment widersetzt hat, indem sie sich vor das abfahrtbereite Pferdegespann warf? Ohne diesen Akt der Verzweiflung säßen wir heute nicht hier.
Ein zweiter, großer Teil seiner Publikationen überschreitet die Grenzen des Manderfelder Landes und behandelt das Land zwischen Venn und Schneifel insgesamt. In zahllosen Beiträgen für unsere Monatszeitschrift, in eigenen Monografien oder als Mitarbeiter von Dorfchroniken finden sich seine Spuren. Die Themen sind so variations- und zahlreich, dass eine Auflistung hier den Rahmen sprengen würde. Nur so viel: neben spezifisch ortsgebundenen Themen finden sich Beschreibungen von Persönlichkeiten (z.B. Clara Viebig, Paul Gerardy, Cäsarius von Heisterbach oder Kaiser Lothar) und immer wieder orts¬übergreifende mittelalterliche und neuzeitliche Themen wie z.B. das Wüstungs¬phänomen, die Feuertstättenverzeichnisse oder die Auswirkungen des 30-jährigen Krieges. Aber auch die jüngste Geschichte war ihm vertraut, wie einige Veröffentlichungen belegen: „50 Jahre Geschichte der Ostkantone (1922-1972)“, „Hinter ostbelgischen Kulissen“, „Ende und Wende im Lande zwischen Venn und Schneifel“, oder „Beiträge zur Annexion, Assimilation und Autonomie“. Wussten Sie, dass Hubert das entspannte Verhältnis zur jüngeren Geschichte offenbar seinem Vater verdankt? Dieser hatte 1920 nach der Annexion der Kreise Eupen und Malmedy durch Belgien schlitzohrig verlauten lassen, dass es doch sonderbar sei: Zunächst habe man den Krieg verloren, und dann habe man doch noch Belgien dazu gewonnen!
Ein dritter Teil seines Vermächtnisses sind Abhandlungen zur Situation der deutschsprachigen Minderheit in Belgien: Deutsch als Muttersprache in Belgien, der Einfluss der Kirche auf die deutschsprachige Minderheit, der Weg von der Sprachengemeinschaft zur Kulturautonomie, die Medienlandschaft in Ost¬belgien, die Minderheitensituation in Europa und auch das Verhältnis der Ostbelgier zum bundesdeutschen Nachbarn wurden thematisiert. Auf die Frage, was eigentlich der Unterschied zwischen Mundart und Sprache sei, zitierte Hubert gerne einen Kollegen, demzufolge eine Sprache eine Mundart sei, die Erfolg gehabt habe.
Ein vierter Abschnitt beinhaltet besinnliche und biographische Betrachtungen, wie sie in den bekannten „Streiflichtern“ oder aber im autobiografischen Werk „Eifeler Kindheit“ erscheinen. Auch hier mischt sich Nachdenkliches und Heiteres. Eine Kostprobe gefällig? „Es begab sich eines düsteren Wintertages, dass ich das karge Licht der Welt erblickte. Am Vorabend des St. Nikolaustages gesellte sich eine zusätzliche Bescherung zu den recht dürftigen Gaben, die meine Geschwister vom Heiligen Mann erhalten sollten. Dieser 5. Dezember war für mich denkbar schlecht gewählt, denn in späteren Lebensjahren verschmolzen Geburtstag und Nikolausfeier ineinander, was natürlich das Bescheren weitgehend vereinfachte.“
In einem letzten Abschnitt seiner Autorentätigkeit finden sich Texte zu Zeit¬fragen, wie Umwälzungen in der Medienlandschaft, zur Bedeutung der Volkskunde oder zu Aspekten der Denkmalpflege.

Diese Aufzählung wäre unvollständig, würde hier nicht auch seine Vortrags¬tätigkeit erwähnt, die sich – wie seine Texte – in die genannten Kategorien einteilen lassen. Jede ZVS-Jahreshauptversammlung lebte von einem Vortrag aus seiner Feder. Die angesprochenen Themen, die anschauliche Schilderung der¬selben und die allgemeinverständlich vorgetra¬genen bisweilen komplexen histo¬rischen Zusammenhänge garantierten auf¬merksame Zuhörer und dankbaren Applaus.

Hubert hat also im wahrsten, d.h. im wörtlichen Sinn Geschichte geschrieben, aber auch im übertragenen Sinn. Fragen Sie einmal die Leute auf der Straße, was man mit dem Namen Hubert Jenniges verbindet. Ich bin sicher, dass Begriffe wie Geschichtsforscher, Geschichtsschreiber, BRF-Journalist, „Zwischen Venn und Schneifel“ oder sogar der ein oder andere von ihm verfasste Buchtitel genannt würden. Mit dem Namen Hubert Jenniges verbindet man also die Aufarbeitung unserer Vergangenheit oder die Darstellung politischer Zusammenhänge – in jedem Fall eine aufklärende und volksbildende – man könnte auch sagen identitätsstärkende Tätigkeit. Zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn hat er zwar auch den Lehrerberuf ausgeübt, jedoch nur während einer kurzen Zeit; doch sein Wirken zur Sensibilisierung für und zur Förderung der Kenntnisse über unsere geschichtliche Vergangenheit in den eben geschilderten Sparten hat – jenseits der Schulmauern – Zeit seines Lebens aufmerksame Schüler gefunden, die ihrerseits wiederum das Interesse für Geschichte entdeckten und es weiter lebendig halten. Huberts Passion war also ansteckend.

Hubert Jenniges hat nicht nur Geschichte geschrieben – er hat auch Geschichte gemacht. Er tat dies nicht wie manche historische Figur mit Getöse, Macht oder Prunk, sondern mit herzlicher Bescheidenheit, mit sicherem Wissen und mit visionärem Denken. Hubert Jenniges ist durch dieses Vorgehen und diese Wesensart in Ostbelgien und darüber hinaus zu einer Autorität in geschichtlichen Fragen geworden, deren Meinung und Sachverstand bei vielen Gelegenheiten eingeholt worden ist: von der Denkmalschutzkommission, von der Jury des DG-Parlaments zur Bewertung eingereichter Arbeiten und, wie eben erwähnt, von vielen Herausgebern von Ortschroniken, denen Huberts Mitarbeit Qualität und ausgewogene Darstellung garantierte.

Huberts Geschichtsschreibung zeichnete sich nicht nur durch die erwähnten Vorzüge aus, sondern bot den Lesern gerade durch diese Vorzüge eine Orientierung, eine Heimat. Heimat besteht nicht nur aus der Landschaft, der Natur, dem Dorf oder der Stadt, wo wir leben, und den Menschen, die uns umgeben, sondern Heimat ist auch unser Wissen um Vergangenes, um Traditionen, um politische und soziale Gegebenheiten, die uns den Zusammenhang zu unserer Gegenwart verständlich machen. In der Welt zu Hause sein heißt auch, in seiner Geschichte zu Hause sein. Hierzu hat Hubert durch seine Publikationen reichlich Gelegenheit geboten.

Die Identitätsbildung wurde bereits erwähnt. Schon für ein Kleinkind ist es wichtig, das Ich und das Andere (= das Du) zu unterscheiden, um zu einer eigenständigen Persönlichkeit heranzuwachsen. Auch für eine Gruppe oder eine Gemeinschaft ist dies bedeutsam, will sie nicht vom Einerlei, von der Gleichmacherei und damit von der Beliebigkeit aufgesogen werden. Huberts stille Arbeit, die stets durch unseren – seinen – Verein „Zwischen Venn und Schneifel“ getragen und gestützt wurde, hat hier für Nachhaltigkeit gesorgt, denn seine Schriften sind nach wie vor aktuell und werden sicher auch von der nachwachsenden Generation genutzt und gewürdigt werden.

Von Visionen war eben schon die Rede. Visionen liegen einem Gewissen zugrunde und als ostbelgisches Gewissen kann Hubert ohne Zweifel bezeichnet werden – als Gewissen, nicht als schlechtes Gewissen wohlgemerkt. Gewissenhaft reagiert derjenige, der seiner Erfahrung, seinem Wissen und seinen Einschätzungen folgend, Beobachtungen, Überzeugungen und Schlussfolgerungen formuliert und diese dem gesellschaftlichen Diskurs zur Verfügung stellt und dadurch verantwortungsbewusst handelt. Gewissen setzt also Wissen voraus: Erfahrungswissen sowie Sach- und Fachwissen. Von allem war bei Hubert reichlich vorhanden. Wir sagten es schon: Hubert war ein stiller Beobachter, aber auch ein hellsichtiger Analyst und ein geduldiger Lehrer. Die allgemeine Anerkennung war ihm gewiss, denn er sprach die Leute in ihrer Sprache an, informativ, verständlich und mit gesundem Mutterwitz gewürzt – ein Geschichtenerzähler im besten Sinne des Wortes.

Seine Geschichten hallen nach, sind noch in guter Erinnerung; seine sonore Stimme, die Gelassenheit und Seriosität ausstrahlte, ist allen noch im Ohr; sein liebenswürdiges, humorvolles Wesen berührte die Herzen. Das Leben ist vergänglich, doch die Wertschätzung und die Erinnerung werden bleiben – ebenso wie sein Vermächtnis, das ich wie folgt zusammenfassen möchte: „Wer keine Geschichte hat, hat auch keine Visionen.“

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Ansprache von Herrn Gerhard Palm, Ehrenbürgermeister der Gemeinde Büllingen

Verehrte Frau Jenniges,
Liebe Familie Jenniges,
Meine sehr verehrten Damen und Herren,

I.
Vor genau 50 Jahren, im Schuljahr 1962-63, besuchte ich in der Bischöflichen Schule St. Vith die damals sog. „Poésie“, die letzte Klasse vor dem Abitur, der sog. „Rhétorique“. Und ich muss zu meiner Schande und zu der vieler meiner Mitschüler – u. a. Joseph Dries und Lorenz Paasch – gestehen, dass wir nicht die Bravsten waren. Für die schöne Poesie hatten wir eigentlich kaum ein Gespür, dazu waren wir viel zu aufmüpfig; wir gehörten wohl zu der letzten Schülergeneration, die noch nach den alten strengen Regeln unterrichtet wurden. Dass wir nicht „pflegeleicht“ waren, das kann auch Peter Thomas (Abitur 1960) bestätigen, der in einem Schuljahr mein „Tischältester“ war. Und wenn ich noch erwähne, dass in dieser Zeit die „Schröder-Zwillinge“ Horst und Fredel, um wenige Jahre älter, ihr Abitur (1961) an der BS machten, dann sind schon einige wichtige Personen für meine Ausführungen genannt. Nach dem Studium an der Universität kehrte ich zur „BS“ als Lehrer zurück – genau wie Joseph Dries und Lorenz Paasch. Es scheint also zu stimmen, was in der „Judenbuche“ steht: „Der Übeltäter kehrt immer an den Ort seiner Untaten zurück.“ Dort lernte ich einen anderen Mann kennen, als Kollegen, der mein Leben, meinen weiteren Weg maßgeblich beeinflussen würde: Alfons Thunus.

Mit unserer Aufmüpfigkeit, unserem flegelhaften Benehmen hatten Direktor Josef Pankert und  alle unsere Lehrer viel Mühe (oder war es umgekehrt?), auch unser Lehrer für Französisch, Geschichte und Erdkunde – das war Hubert Jenniges. Ich gebe gerne zu, dass ich von seinem Unterricht – wie übrigens auch von den anderen – kaum noch etwas weiß. Das ist auch gut so; denn, wie sagte später ein Professor an der Universität Lüttich: Das Wichtigste ist sowieso das, was man noch weiß, wenn man alles vergessen hat.
Und das Wichtigste, das was ich in meinem Studium, in meiner beruflichen und politischen Tätigkeit am meisten gebraucht habe und heute noch brauche, das habe ich im Unterricht bei Hubert Jenniges gelernt:

  • dass man alle Unterlagen und Dokumente sofort datieren soll;
  • wie man einen Text strukturiert und diesen Aufbau kennzeichnet;
  • dass man sich selbst eine eigene Kurzschrift, eine persönliche Stenografie zulegen muss, um einer Vorlesung an der Universität folgen oder in einer Versammlung die Entwicklung der Diskussion festhalten zu können. Das führte dazu, dass wir im Abiturjahr eine eigene Schrift hatten, die für andere kaum zu entziffern war.

Das war also meine erste Begegnung mit dem Mann, dem der heutige Ehrentag gewidmet ist. Ich konnte damals nicht ahnen, dass genau dieser Mann mein Leben, meine verschiedenen Tätigkeiten entscheidend prägen würde, dass er mein Mentor, mein kluger Ratgeber und mein guter Freund werden würde. Und noch weniger ahnte ich, dass ich eines Tages die Gelegenheit haben würde, diesen großen Sohn seines Treeschlandes, seiner Eifel und unserer gesamten Gemeinschaft würdigen zu dürfen.

Ich bin den Initiatoren dieses Tages zutiefst dankbar, dass sie diesen Ehrentag veranstalten und mir die Gelegenheit geben, die Würdigung des gesamt¬gesellschaftlichen Einsatzes von Hubert Jenniges öffentlich vortragen zu dürfen. Und aus den ersten Worten haben Sie erkannt, dass ich mich für diese Würdigung natürlich mit manchen Freunden in Verbindung gesetzt habe, dass ich diesen Text aber nur aus meinem ganz persönlichen Blickwinkel niederschreiben konnte. Und aus den folgenden Ausführungen werden Sie erkennen, dass er ziemlich lang geworden ist, manchmal mit ausführlichen Details, um das Gesamtbild zu vervollständigen und den Rahmen zu beschreiben, in dem Huberts Wirken sichtbar werden kann.

II.
Dies ist eine sehr ehrenvolle Aufgabe, aber auch eine sehr schwierige: einer so vielfältigen Wirkung eines Mannes gerecht zu werden, mit einem solchen Tiefgang in Wort und Schrift, mit einer solchen Ausstrahlungskraft, mit einer so langfristigen Bedeutung, das ist nicht einfach. Vor dieser Aufgabe habe ich mich darauf besonnen, das zu tun, was ich in solchen Situationen immer machte: ich suchte Rat bei Hubert Jenniges – in seinen zahlreichen Werken und Schriften. Und wie immer half er mir auch dieses Mal, und ganz besonders mit den Zeilen, in denen er seine persönlichen Empfindungen und inneren Überzeugungen niederschrieb.

In der Zeitschrift des Geschichtsvereins von Dezember 2012 ist das – leider – letzte „Streiflicht“ von Hubert zu lesen unter dem Titel: „Die Eingangspforte zum verlorenen Paradies“. Dort schreibt er:
„Immer wieder gibt es Augenblicke, wo die Vergangenheit uns einholt. Es ist ein Lebensgesetz – denn wir stehen ständig im Fluss der Zeit und somit im Banne dessen, das gewesen ist. Das Vergangene manifestiert sich überall; in alten Fotos, Briefen oder Gegenständen der nächsten Umgebung, wodurch das enge Band zwischen Heute und Gestern materialisiert wird, was gegebenenfalls der Vergangenheitsbewältigung dienlich ist. Die Franzosen nennen diesen Bann „le frisson du passé“, den Schauder der Vergangenheit, ein „Ur-Erlebnis“, das Ehrfurcht vor dem geschichtlichen Erbe gebietet.“

Diese Worte sind m. W. die letzten, die von Hubert veröffentlicht wurden, und deshalb erhalten sie für mich eine besondere, fast testamentarische Bedeutung. Sie beschreiben auf jeden Fall genau meine Gefühle, als ich in meinen Erinnerungen und Unterlagen nach Spuren von Huberts Vermächtnis suchte: meine eigene Vergangenheit holte mich ein. Überall, in all meinen Tätigkeitsbereichen fand ich diese Spuren, ich empfand eine tiefe Ehrfurcht vor seinem geschichtlichen Erbe. Und – frei nach Richard von Weizsäcker – die Vergangenheit kann man nur bewältigen, wenn man sich ihr offen und ehrlich stellt.

Ganz persönlich schreibt er auch in zwei seiner schönsten Werke: Im Jahre 2004 veröffentlichte er seine „Eifeler Kindheit“, das er mir im Mai 2004 schickte mit der Widmung:
„Lieber Gerhard, gerne überreiche ich Dir diese Erinnerungen. Möge die Lektüre Dir in dieser Vorwahlkampfzeit bei schlaflosen Nächten hilfreich sein.“

Nun, schlaflose Nächte hatte ich nicht, im Gegenteil, ich habe mich sehr darüber gefreut und ihn bei der erneuten Lektüre noch besser kennengelernt. Und dabei habe ich gemerkt, wie recht er hatte, als er im Vorwort den berühmten römischen Dichter Vergil zitierte: „Vielleicht wird die Erinnerung hieran uns dereinst zur Freude gereichen.“ Genau so war es!

In diesem kleinen Buch mit den „Erinnerungen aus einem fernen Jahrhundert“ werden mehrere seiner Eigenschaften deutlich, die sich wie ein roter Faden durch sein Leben zogen:

  •  seine tiefe Verwurzelung in seiner Heimat, die für ihn auch dann noch die Quelle blieb, als er in Brüssel wohnte. „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit “ – so lautet ein weiser Spruch, und auf Hubert trifft er sicher zu. Seine Vergangenheit, seine Heimat war für ihn eine nie versiegende Quelle.
  •  seine umfassende Bildung, die wohl auf seine unersättliche Neugier zurückgeht, alles zu lesen, was ihm in die Finger kam, alles zu hören, was seine Großmutter und andere gute Erzähler in der Familie und im Dorf ihm erzählten, alles zu speichern, was er erlebte, alles zu hinterfragen, was er nicht verstand:  „Seit meiner frühesten Kindheit – soweit ich mich auf mein Erinnerungsvermögen verlassen kann – war ich auf der Suche nach dieser Vergangenheit (seines Elternhauses). Dies geschah in endlosen Fragen an die Mutter, …an die Tante,…an die Großmutter.“ (Seite 14-15) „In der Geborgenheit der wuchtigen Mauern des Hauses wurde mir wahrscheinlich ein geschichtliches Gespür mit auf den Weg gegeben, jener berühmte „frisson du passé“, den ich immer dann verspüre, wenn ich geschichtliches Neuland entdecke und erkunde.“ (Seite 19)
  • seine Begabung, schon als Kind genau zuzuhören, wenn (z. B. anlässlich der Kirmes) die erwachsenen Gäste „klatschten und tratschten und politisierten“ – „Das Empfinden des Knaben registrierte damals schon wie ein feiner Seismograf die Differenzen in der Diskussion“ (Seite 39)
  • seine Begeisterung für das Schreiben: „Ich fühlte mich plötzlich zum Schreiben berufen….So entstanden aus meiner ungeschliffenen Feder Entwürfe und die ersten Seiten von Ritterromanen und Räubergeschichten.“ Und in feiner Selbstironie fügt er an: „Ungelesen ruhen sie heute in meinem persönlichen Archiv. Ihre Entdeckung würde sicherlich nicht die deutsche Literaturgeschichte bereichern…“ (Seite 78-79)
  • auch seine Neigung zum Plappern, das „lediglich meinem natürlichen, stark ausgeprägten Mitteilungsbedürfnis entsprach, das sich konsequenterweise in meinem Forscher-, Journalisten- und Publizistendasein fortgesetzt hat.“ (Seiten 46-47). Wie recht er damit hat! Und welch ein Glück, dass sein Vater – „ein Mann mit einem gesunden Humor und einem Witz voller Lebensweisheiten,…mit seinen sinnigen, spontanen Sprüchen, die mir …in dunklen Tagen immer wieder zum Oberlicht des Lebens verholfen haben“ (Seite 51) – wohl 1945 „resigniert, doch vielleicht auch mit einigem Stolz, feststellen musste, dass ich für das Bauernleben im Mettlenhaus höchst untauglich war.“ (Seite 59)
  • und auch seine ernüchternde Erfahrung, als er zwar zu einer höheren Schule gehen durfte, aber dort, am „Collège Marie-Thérèse“ in Herve, feststellen musste, wie schwer das Einleben eines deutschsprachigen Jungen in eine französischsprachige höhere Schule war (Seite 85) und dass er sich er sich dort zum ersten Mal allein gefühlt hat.
  • aber auch eine Erfahrung, die mich überrascht hat: dass schon in der Krewinkler Schulzeit kurz nach dem Krieg „zum ersten Mal ein Gefühl der Marginalisierung in mir auftauchte, das mich eigentlich nie ganz verlassen hat, selbst bis heute nicht. Mein weiterer Lebensweg hat übrigens dieses Randgefühl in regelmäßiger Folge bekräftigt. Stets gehörte ich einer Gruppe an, die anders war, die eben eine Minderheit war, deren Bemühungen zur Wahrung der Identität außerordentliche und vor allem zusätzliche Kräfte mobilisieren mussten. Die erste Identitätskrise ergab sich in der Geschichtsstunde. Da wurden die deutschen Angreifer von 1914/18 als ‚barbarische Horden’ angestempelt…Da offenbarte sich im Verständnis des Knaben der Zwiespalt zwischen dem vermittelten Wissen und dem familiären Umfeld, denn zu den ‚barbarischen Horden“ gehörte ja auch mein Vater…Konnte der damals elfjährige Schuljunge einen solchen geistigen Drahtseilakt des Relativierens vollbringen? Mir ist es jedenfalls nicht gelungen.“ (Seite 78)

Diese vielfachen Empfindungen finden sich auch in einem Werk, das er 14 Jahre vorher geschrieben hatte, 1990, als er aus Anlass des 100-jährigen Bestehens des Kirchenchors St. Cäcilia Krewinkel in einer Festbroschüre seiner engeren Heimat ein Denkmal setzte: „Der Winkel am Römerberg“. Als Auftakt (Seite 7) schreibt er:
„Krewinkel: das ist eine Dorf- und Pfarrgemeinschaft mit den Weilern Afst, Allmuthen und Kehr im östlichen Bereich des frühgenannten Königshofes Manderfeld. Seit langen Jahrhunderten bildet dieser stille Winkel eine Einheit, die von mehreren Merkmalen geprägt wird. Drei haben sich seit dem bewussten Erleben der heimatlichen Umwelt in mein Erinnerungsvermögen und Empfinden eingegraben: die in unmittelbarer Nähe verlaufende Staatsgrenze, der sagenumwobene Römerberg und die spätgotische Kirche, deren spitzer Turm wie ein mahnender Finger zum Himmel weist.“

  • zum 1.Merkmal : „Wer weiß, vielleicht hat diese Grenzsituation eine tiefere Motivation bewirkt und das Bedürfnis verstärkt, einer Marginalität zu entfliehen, aus ihr auszubrechen; das Bedürfnis, nicht mehr an der Grenze zu sein – vielleicht auch über ihr zu stehen.“
  • zum Römerberg: „Für immer blieb der Name des Berges in mir mit einer inneren, intensiven Spannung verbunden, die die Suche nach dem Wissen um die früher heimatliche Vergangenheit bis zum heutigen Tag begleitet.“
  • Und das kleine Gotteshaus, in letzter Minute vor der völligen, sinnlosen Verwüstung bewahrt, ist „im Lande zwischen Venn und Schneifel zu einem aussagekräftigen Symbol der kulturellen Selbstbehauptung und ein Beispiel des Konservierungswillens für die vom Zahn der Zeit gezeichneten Denkmäler geworden.“

III.
Damit sind alle Voraussetzungen für das äußerst bedeutende, aber in großen Teilen für die breite Öffentlichkeit unbekannte Wirken von Hubert Jenniges gegeben;  alle Zutaten – Hubert hätte wohl gesagt „Ingredienzien“ – sind bereit:

  • eine profunde Bildung mit einem ausgeprägten Forscherdrang und der Fähigkeit, größere Zusammenhänge in ihrer Tiefe zu erkennen und sie verständlich zu formulieren;
  • eine ausgeprägte Liebe zu seiner Heimat; ihrer Geschichte, Kultur und Sprache;
  • seine Feder war ein geschliffenes und elegantes Instrument geworden;
  • das Plappern hatte sich zu einem außergewöhnlichen Redetalent gemausert
  • und die unerschöpfliche Energie, die Bereitschaft, all diese Talente für seine Gemeinschaft einzusetzen.

Die meisten Menschen kennen oder kannten ihn als engagierten Rundfunk¬journalisten, als kompetenten Verfasser und Betreuer von geschichtlichen Werken und als eleganten Vortragsredner. Das ist sicher richtig; aber eine für mich ganz entscheidende Bedeutung liegt in dem, von dem viele kaum etwas wissen, was er hinter den Kulissen geleistet hat. Und wohl deshalb hat er – so scheint es mir – seinem Werk über die „Stationen auf dem Weg zur Autonomie des deutschen Sprachgebiets in Belgien“ für den Zeitraum von 1968-1972 den feinsinnigen und doppelsinnigen Titel „Hinter ostbelgischen Kulissen“ gegeben.

Er hat diesen Bericht, diesen Report – wie er selbst sagt – mit sehr viel Engage¬ment, aber „sine ira et studio“ (ohne Zorn und ereifernde Voreingenommenheit) geschrieben. Ich selbst, der in diesen Jahren zu einem der vielen Akteure in diesem Aufbruch wurde, musste bei der erneuten Lektüre aufpassen, diesen alten Grundsatz der Geschichtsschreibung selbst zu beachten und das eigentliche Thema, nämlich die Würdigung von Hubert nicht aus den Augen zu verlieren.

Um diese Zeit des Aufbruchs, diese emotions- und spannungsgeladene Zeit und seine Rolle zu verstehen, ist es sinnvoll, in kurzen Worten die Entwicklung des gesamtbelgischen Rahmens dieser Zeit zu umreißen: Anfang der 1960er Jahre wurden

  • die Sprachengesetze verabschiedet,
  • die Sprachgrenzen festgelegt,
  • der Sprachengebrauch im Unterrichtswesen geregelt,
  • die Gesetze zum Sprachengebrauch im Verwaltungswesen koordiniert,
  • die 4 Sprachgebiete festgeschrieben – drei einsprachige und ein zwei¬sprachiges, nämlich Brüssel -, zum Teil mit den sog. „Fazilitäten“, den Spracherleichterungen, die allein deshalb schon zum beständigen Gift des Zusammenlebens geworden sind, weil sie an beiden Seiten der großen Sprachgrenze unterschiedlich verstanden und angewendet wurden.
  •  Nicht zu vergessen die sog. „68er Bewegung“ und den „eskalierenden Konflikt zwischen Flamen und Wallonen, der in Belgien die damalige Studentenrevolte überlagerte“ (L.Paasch, GE-Interview) und in dem Ruf „Walen buiten“ aus Löwen gipfelte.

All das führte zu der Staatsreform von 1970, die man damals noch nicht mit einer Nummer versehen hat: Zum ersten Mal wurden die drei Kulturgemeinschaften in der Verfassung anerkannt, auch die deutsche, aber es wurden auch drei Regionen  im Text geschaffen: die flämische, die wallonische und  die Region Brüssel. Doch im Gegensatz zur französischen und flämischen Gemeinschaft musste unsere Gemeinschaft bis zu dem Ausführungsgesetz warten, das die Befugnisse und die Zusammensetzung festlegen sollte. Am 23.Oktober 1973  wurde der „Rat der deutschen Kulturgemeinschaft“ (RdK) dann eingesetzt.

Und was geschah in dem jetzt anerkannten deutschen Sprachgebiet?

Freddy Cremer schreibt über das Jahrzehnt 1963-1973: „…das deutsche Sprachgebiet glich einem Schiff mit vielen Kapitänen, die allesamt einen anderen Kurs steuern wollten.(…) Einen „Vormärz“, eine alle Kräfte bündelnde Bewegung –ähnlich der Flämischen oder Wallonischen Bewegung-, die zielstrebig auf eine weitestgehende Kulturautonomie für die deutsche Sprachgruppe Belgiens hinarbeitete, hat es zumindest vor der Einsetzung des RdK nicht gegeben, auch wenn im gängigen Geschichtsbild diese Epoche manchmal heroisierend als eine „Zeit des Aufbruchs“ dargestellt wird.“ (I&M des InED 1993-3, S. 5-7)

Mit dieser Formulierung kann ich nur teilweise einverstanden sein; und wenn ich in der BHF-Sendereihe „50 Jahre Ostkantone“ den Beitrag von Hubert am 28.10.1972 nachlese, glaube ich, dass auch Hubert nicht alles darin unterschreiben würde.

  • Ganz sicher gab es keine Bewegung, keine Organisation, die alle Kräfte zielstrebig auf eine weitestgehende Kulturautonomie hin bündelte und die als Sprecherin der gesamten Bevölkerung auftreten konnte. Aber, wer die ersten Jahre des RdK als Mitglied miterlebt hat, kann ihn nicht als diese Bewegung hin auf diese Autonomie ansehen.
  • Richtig ist auch: Es gab viele Kapitäne, aber es gab deshalb nicht ebenso viele Kurse. Es gab eigentlich nur zwei Richtungen: Die eine suchte die weitestgehende (Kultur-) Autonomie, die andere wehrte sich vehement gegen die Einbettung des Gebietes in den sich bildenden Föderalisierungs¬rahmen. Und dazu gehörte auch die damalige Mehrheit im RdK.
  • Es war – davon bin ich überzeugt – wirklich eine „Zeit des Aufbruchs“; es bedurfte schon einer großen Portion Mut, sich offen für diese Kultur¬autonomie einzusetzen. Wer dies tat, ging große persönliche und berufliche Risiken ein; immer geisterte der Vorwurf des „Heim ins Reich“ im Raum. Sicherer war man, wenn man sich dem „langen Arm“ anvertraute und möglichst gut Französisch parlierte.

Lorenz Paasch sagt im GE- Interview vom 24.01.2013, dass sein Vater ihm stets davon abgeraten habe, sich politisch zu engagieren. „Das entsprach der damaligen Nachkriegsstimmung, dieser Grabesstille, die sich über diese vom Krieg und der Nachkriegszeit geprüfte und gedemütigte Generation legte.“

Dies kann ich aus meiner persönlichen Erfahrung bestätigen, ich habe es einmal so ausgedrückt: “Dank unserer Frechheit, Klarsicht und Beharrlichkeit können, nach all den Demütigungen und Entmündigungen, unsere Väter und Mütter wieder aufrecht gehen.“ Es galt, diese Grabesstille aufzubrechen und das Duckmäusertum zu beenden.

Hubert Jenniges, der sich in seinem Buch auf die 4 Jahre 1968-72 beschränkt – wohlgemerkt zum besseren Verständnis mit vielen „Vor- und Nachgriffen“ -, hat in dieser Bewegung, in diesem Aufbrechen eine äußerst wichtige, entscheidende Rolle gespielt.

Zur Einleitung schreibt er: „Diese Periode des Aufbruchs habe ich aus nächster Nähe hautnah erlebt. Zuweilen landete ich mitten in der Brandung. Dann musste ich abwarten, bis die Flut wieder abebbte. Zwangsläufig ergab es sich, dass ich die privilegierte Beobachterrolle als Rundfunkjournalist verließ und in Entscheidungs¬zwänge eingebunden wurde. Diese Rolle des bescheidenen Mitgestalters habe ich nie bereut, zumal sie meinem Informationsauftrag nicht schadete.“

Hier muss ich Hubert Jenniges widersprechen; hier geht er in seiner Bescheidenheit und Zurückhaltung zu weit. Wer diese Zeit erlebt hat, wer sein Buch gründlich liest, der weiß genau: Er war kein bescheidener, er war ein entscheidender Mitgestalter.

In diesen 60er Jahren gab es in unserer Gemeinschaft – wie eben erwähnt – eine im Rückblick manchmal verwirrende Vielfalt von Diskussionen, Resolutionen, Denk- und Druckgruppen, Ideenschmieden, Denkschriften, Veranstaltungen, in denen fast immer dieselben Personen sich fanden mit dem Ziel, unseren Menschen elementare Rechte zu erkämpfen, unserer Sprache und Kultur die gebührende Achtung zu verschaffen und unserer Gemeinschaft einen Platz in dem sich anbahnenden Föderalstaat zu sichern. Nur einige seien hier erwähnt, deren Bedeutung auch Hubert unterstreicht:

  • Zunächst eine Gruppe von Pfarrern aus den Dekanaten St. Vith und Malmedy, die schon sehr früh (1949-1950) in 2 Noten an das sog. „Harmel- Zentrum“ über die kulturelle und sprachliche Notlage eine stärkere Berücksichtigung der deutschen Sprache, besonders im Unterricht, gefordert hatten. Bemerkenswert ist, dass 4 dieser Pfarrer aus der Malmedyer Wallonie stammten. Doch es ist wohl unumstritten, dass die drei Pfarrer Walter Schomus, Paul Kettmus – mein Pastor bis zu seinem Weggang aus Mürringen – und Peter Joppen, die leisen, nimmermüden Triebfedern des soziokulturellen Lebens der belgischen Eifel in den beiden Nachkriegsjahrzehnten waren. Dechant Breuer aus St. Vith verglich sie mit dem berühmten Abbé Pietkin (F. Cremer: I&M 1994-4, S.7). Hubert hat ihnen, wohl auf der Grundlage der (leider unveröffentlichten) „Pfarrhaus¬gespräche“, in seinem Buch mit dem Ehrentitel „Die Dreifaltigkeit“ ein Denkmal gesetzt. – Ganz sicher spielte auch ein Ereignis von Weltbe¬deutung eine wichtige Rolle: das 2. Vatikanische Konzil. „Als nämlich im November 1966 die liturgischen Anweisungen des Konzils bekannt wurden, erhielt die Volkssprache in der Eucharistiefeier den absoluten Vorrang.“ Etwas salopper zitiert Hubert die feste Überzeugung der „Gottesmänner“: „Wenn die Leute die Sprache aufgeben, geht auch die Religion flöten’…Doch seien wir ehrlich: auch soziale Gründe und schlichte Motive der elementaren Gerechtigkeit spielen mit.“ (S.61-62)
  • Dann erschien 1968, mitten in einer heißen Phase der Sprachenproblematik, an der „BS“ ein 50-seitiger Report unter dem Titel „Kritische Prüfung des Unterrichtswesens in der deutschsprachigen Gegend“. Dieses Plädoyer für eine wirkliche Demokratisierung des Unterrichts und für den Vorrang der Sprache des Kindes – in drei Tagen von Alfons Thunus erstellt – sollte Direktor Pankert als Arbeitspapier für eine trotz mancher Widerstände vorgesehene Unterredung mit dem Minister dienen. Die Unterredung kam nicht zustande, aber das Dokument hatte dennoch ungeahnte Folgen: Direktor und Autor wurden zu kirchlichen und weltlichen Behörden zitiert, erhielten Drohbriefe und –anrufe; aber dies konnte die tiefgreifende Wirkung nicht verhindern. Josef Dries schreibt: „Die Untersuchung brachte sowohl latent als auch offen in der hiesigen Bevölkerung vorhandene Wünsche und Vorstellungen zum Vorschein. Es ist aber auch ebenso deutlich, dass sie das seit dem 2. Weltkrieg weitgehend nicht existierende politische Leben im deutschen Sprachgebiet mit ersten Impulsen und Denkanstößen versah….Diese für manchen damals ungeheuerlichen Aussagen lösten im Gebiet aufgeregte, oft heftig und emotional geführte Diskussionen aus“.
  • Und schließlich möchte ich unbedingt die damaligen Bürgermeister erwähnen, die sich in mehreren Versammlungen (am 12.02.1969 in Eupen und am 11.09.1971 in Rocherath) weitsichtig und mutig bekannten zu „dem Anspruch auf Kulturautonomie für die Gemeinschaft deutscher Sprache in dem gleichen Maße , wie diese für die beiden großen Gemeinschaften vorgeschlagen ist.“ Ihre 40 Jahre alten Forderungen nach u. a. einem Wahlbezirk könnten auch heute ihren immer noch aktuellen und berechtigten Platz in einer Bürgermeisterresolution finden.

Und immer wieder war es Hubert Jenniges, der für all diese Bemühungen den treffenden Begriff „gärende Kräfte“ (Seite 117) fand. Er war dabei – nein, nicht nur dabei. Er war mittendrin, als allseits geschätzter, diskreter und verstärkender Vermittler:

  • entweder als – was die Öffentlichkeit meist nicht wusste – Mitorganisator, als Impulsgeber, als Informator, als Schaltstelle und Verbindungsperson für Kontakte, Begegnungen. Beispielhaft erwähne ich nur das Treffen von etwa 60 Personen in dem Ferienheim „Oos Heem“ in Deidenberg am 6. März 1971. Meines Wissens ging die Einladung von Hubert Jenniges und Alfons Thunus aus; dort wurden – so glaube ich mich zu erinnern – zum ersten Mal alle bisher in Einzelinitiativen diskutierten Themen in einem gesamten „deutschostbelgischen Forderungskatalog“ zusammengefasst, und zwar – auch das war neu – von Menschen gleicher Gesinnung  aus dem Norden und dem Süden.
  • oder als Rundfunkjournalist, der spannend und klar in der „Aktuellen Sendung“ über den Äther berichtete, wenn die Bevölkerung in einem „fast unersättlichen Informationsbedürfnis“ (S.67) an den Radiogeräten hing. Und damals waren wir viel aufmerksamer als einige Jahre früher im Unterricht. Hier muss ich Hubert um Verständnis bitten, weil er diese Würdigung mit zwei anderen teilen muss, mit Peter Thomas und Horst Schröder.

Hubert hat Lorenz Paasch, Joseph Dries und mich als das „Trio infernale“ der PDB bezeichnet. Er mag in gewissem Sinne Recht haben, und ich habe das immer als Kompliment aufgefasst. Aber ein Aspekt geht dabei verloren, nämlich die Bedeutung der älteren, weisen und klugen Menschen, die uns oft gebremst oder in Schutz genommen haben: Ich denke an Reiner Pankert, Wilhelm Pip, Michel Kohnemann, Michel Louis, Norbert Scholzen, Rudi Pankert…

Heute gebe ich das Kompliment gerne zurück: Hubert Jenniges, Peter Thomas und Horst Schröder waren das „Trio infernale“ des BHF, das mit seinen Interviews und Reportagen nicht nur den BHF, sondern auch die politische Lage in Ostbelgien aufgemischt hat. Der BHF war tatsächlich der Seismograf des deutschen Sprachgebiets, wie Hubert es – wieder unter einem treffenden Titel „Das Wort hat Gewalt“ – nannte: „Die aktuelle Sendung wurde zum Forum des Aufbruchs. Die Rundfunkredaktion wurde buchstäblich von dieser Aufbruchswelle getragen.“

Diese Worte von Hubert werden voll und ganz bestätigt von seinem Kollegen Peter Thomas. Im März 1987 hielt das Belgische Komitee des „Europäischen Büros für Sprachminderheiten“ ein Symposium in Eupen ab. Präsident dieses Komitees von 1982 bis 1992 war übrigens …Hubert Jenniges. Die Akten dieses Symposiums enthalten einen Beitrag von Peter Thomas zum Thema „Deutsch in den Medien des „Eupen -St. Vither Landes“. Dort sagt P. Thomas: „So wie die Kulturhoheit der einzelnen Gemeinschaften des Landes nach und nach Form annahm, wurde auch das Programm in deutscher Sprache mehr und mehr zum Sprachrohr der Menschen im Eupener und St.Vither Land. In den 60er Jahren wurde der deutsch¬sprachige Sender sogar zum ersten Instrument und damit auch zum Vorreiter einer sich anbahnenden Autonomie.“ (S.200)
Die Brüsseler Redaktion wusste sich, wie Hubert schreibt, getragen von einer Sympathiewelle in der Bevölkerung. Ganz anders aber sah es in den offiziellen Gremien aus, bei den damaligen Machthabern in dem sog. „Beratenden Kulturausschuss“ mit Dr. Joseph Schmitz an der Spitze.

  • Wegen verschiedener Berichte und Interviews gab es parlamentarische Interpellationen, natürlich von hier aus gesteuert; man warf dem BHF, d.h. konkret den „jungen Journalisten“ Geschichtsklitterung, Staatsfeindlichkeit und Separatismus vor.
  • Wenn gewisse Beiträge den Machthabern nicht gefielen, dann wurden die Journalisten vor diesen Ausschuss zitiert und zurechtgewiesen.
  • Willy Timmermann, der als verantwortlicher Redakteur der AVZ hier in Ostbelgien maßgeblichen Anteil an dem Aufbruch hatte, wurde 1970 während des kommunalen Wahlkampfs nicht nur als Redakteur für 4 Monate „aus dem Verkehr gezogen“, er durfte auch nicht mehr als Gelegenheitskorrespondent des BHF in Erscheinung treten.
  • Und dann als Höhepunkt eines unvorstellbaren Machtmissbrauchs der Rausschmiss des äußerst kompetenten Journalisten Horst Schröder, der eine tiefe Wunde in der Redaktion hinterließ.

Wir haben den „Fall Schröder“ damals voller Wut verfolgt; und ich glaubte zu verstehen, was Hubert meinte, wenn er schrieb: „Zuweilen landete ich mitten in der Brandung“. Ich glaubte es, bis mir ein günstiger Wind die Protokolle dieses Kulturausschusses besorgte. Die dort niedergeschriebenen Äußerungen der Herren Schmitz, Cremer und Toussaint übersteigen alles, was ich mir vorstellen konnte: Man warf den „jungen Journalisten“ vor, die politische Berichterstattung zu manipulieren, ihre Monopolstellung zu missbrauchen, die Nachrichten zu fälschen, die Leute immer mit demselben Thema verrückt zu machen. Dabei war das Verbot, die AVZ von „Tim“ in die „belgischen Pressestimmen“ aufzunehmen, noch das kleinste Zeichen einer unglaublichen Arroganz, eines absolut undemokratischen Eingreifens in die Pressefreiheit seitens einer Oligarchie, die unfähig war, die Zeichen der Zeit zu erkennen, und die bald – wie Hubert schreibt -, den „Schwanengesang“ erleben würde. Gerne füge ich an, dass die Sendeleiterin Frau Janetzki und der stellvertretende Dienstleiter Peter Moutschen die „jungen Journalisten“ immer unterstützt und verteidigt haben.
In diesem Licht ist die Arbeit dieser drei Journalisten noch höher zu bewerten, als ich das bisher tat.

Die Arbeit der Journalisten in Brüssel hatte aber auch andere Seiten – und hier berühren wir die Schnittstelle zwischen der Arbeit hinter den Kulissen und der vor dem Mikrofon. Hubert berichtet, dass er dort, wo die politischen Fäden wie in einem Brennpunkt zusammenliefen, als Journalist auch die Möglichkeit hatte, Informationen zu sammeln, die er dann als Informator und Impulsgeber an seine Kontaktpersonen zu Hause weitergeben konnte, oder aber Informationen und Kontakte von Ostbelgien an die richtigen Stellen in Brüssel, ob in der Politik oder in der Presse, zu vermitteln.

Als Glanzpunkt dieser Tätigkeit von Hubert darf wohl seine Beziehung zu Leo Tindemans gelten. Wenn man die Seiten über seine erste Begegnung im Oktober 1968 mit dem Minister für Gemeinschaftsfragen liest (S.149 ff.), spürt man: Hier entstand etwas für die weitere Entwicklung unserer Gemeinschaft außer¬ordentlich Wichtiges: „Der Minister wirkte zuvorkommend, vielleicht etwas nachdenklich. Er überraschte mich mit einem korrekten Deutsch. Die Begrüßung war erfrischend, verbindlich und herzlich. Schon die erste Kontaktnahme war für mich eine Erleichterung, denn ich ahnte instinktiv, mit dem Mann konnte ein offenes Interview geführt werden.“ Aber dieser Mann konnte noch viel mehr. „Er ließ seine Hand über die gebohnerte Tischplatte gleiten. ‚An diesem Tisch wird die neue Architektur Belgiens entworfen’, bemerkte er. Er sprach bedächtig und mit Nachdruck. ‚Und in diesem Konzept wird auch das deutschsprachige Belgien seinen Platz finden. Dafür werde ich sorgen.’“ Die deutsche Kulturgemeinschaft müsse eine ‚selbstbewusste Komponente in einem plurinationalen belgischen Staatsgebilde werden’ “.

Und Hubert bemerkt: „Dieser Minister hatte Profil, und er nahm sich Zeit. (…) Seit dieser Begegnung habe ich den Kontakt mit Leo Tindemans nie verloren, bis heute nicht. Ihn zu sprechen und zu hören ist für mich stets ein anspruchsvoller Gedankenaustausch.“ Ich weiß gar nicht, ob Hubert sich seiner riesigen Bedeutung für unsere Gemeinschaft durch diesen sehr engen Kontakt mit dem Hauptakteur der Staatsreform bewusst war, der für mich ohne jeden Zweifel der letzte große, weitsichtige, wirkliche Staatsmann Belgiens ist. Er konnte ihn mit Informationen versorgen, die Tindemans auf den „offiziellen“ Kanälen nie bekam; er konnte Informationen weitergeben, damit die Akteure hier vor Ort immer über die Grundideen, die Absichten in der Entwicklung hin zum föderalen Aufbau Bescheid wussten und ihre Vorstellungen darin einbetten konnten. Er durfte seine Reden übersetzen – welch ein Vertrauensbeweis! – und er selbst schreibt ja: „In diesen entscheidenden Tagen habe ich das Geschehen nicht nur als Beobachter verfolgt.“

So war er mit Sicherheit auch nicht schuldlos daran, dass Leo Tindemans persönlich in der deutschen Sprachregion auf den Plan trat, am 26.10.1971 bei Bosten in Eupen, auf Einladung der „Eumavia Lovaniensis“, vor 450 begeisterten Zuhörern. „War das eine völlig neue Sprache! Der Funke sprang über vom Redner …zu den Zuhörern …und umgekehrt: Eine stehende Ovation begleitete den Minister in Begleitung des Seniors der Eumavia, Dr. Norbert Scholzen nach draußen. Einen solchen politischen Auftritt hatte die deutsche Sprachgemeinschaft noch nie erlebt und wird ihn wohl auch nie mehr erleben.“ (S.166-168)
Ich frage mich seit langem schon, ob die geschliffene Feder von Hubert nicht mit im Spiel war, als die berühmten Tindemans–Worte „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott“ und „Werde, was du bist“ entstanden.

War das ein Paukenschlag, war das eine Unterstützung seitens einer unangreif¬baren Autorität für die fortschrittlichen Kräfte! Und für mich persönlich bedeu¬tete dieser Auftritt noch etwas Besonderes: Ich konnte nun die ängstlichen Vorbehalte meiner Eltern gegen meine politische Tätigkeit mit dem Hinweis beruhigen: „Der Tindemans sagt das doch auch“.

Zu Recht hat Lorenz Paasch diesen Auftritt als „gemeinschaftspolitisch bahn¬brechend“ (im wahrsten Sinne des Wortes) bezeichnet – genau wie den Vortrags¬abend von Silvius Magnago, dem charismatischen Landeshauptmann aus Südtirol, einige Monate früher, am 19. Juni 1971, in St. Vith, vor einem begeisterten Publikum, wieder auf Einladung der „Eumavia“. Hubert schreibt: „Peter Thomas, Consenior der Altherrenschaft, und ich hatten Silvius Magnago(…) zu einer Stippvisite „ins deutsche Belgien“ überreden können. (…) Silvius Magnago begeisterte die vorwiegend junge Zuhörerschaft… und auch die Hintermänner im Saal, die sich im Laufe des Abends als diskussionseifrige Diener der „Staatssicherheit“ entpuppten… Das mehrstündige Referat…war ein flammendes Bekenntnis zur Autonomie und zur Gleichberechtigung aller minderheitlichen Sprachgruppen in Europa.“(Seite 119-120)

Eine bezeichnende Randerscheinung habe ich schon erwähnt: die Staats¬sicherheit war anwesend. Wer hatte sie wohl geschickt, um den Regierungschef aus dem beliebten Reiseziel Südtirol und seine konspirativen Zuhörer zu überwachen? Die andere findet man in Huberts Buch: „Ein Interview mit dem Mann aus Südtirol durfte im Belgischen Rundfunk nicht ausgestrahlt werden.“ Man überlege: Das ist gerade mal 40 Jahre her!

Heute zweifelt niemand mehr ernsthaft daran, dass diese beiden Auftritte, diese beiden Stimmen mit einer unangreifbaren moralischen Autorität, mit politischem Gewicht, mit weitsichtigen Ideen, die von außen kamen, für die weitere Entwicklung bahnbrechend waren. Und beide Male war Hubert Jenniges ein entscheidender Akteur. Das sagt wohl genug über seine politische, gesamtgesell¬schaftliche Bedeutung für unsere Gemeinschaft. Und deshalb habe ich ihm auch widersprochen: Ohne Hubert Jenniges als privilegierten Beobachter, als entscheidenden Gestalter, als feinfühligen Vermittler vor dem Mikrofon und hinter den Kulissen wäre unsere Autonomie heute nicht das, was sie ist. Er hat selbst diese Marginalität, dieses Randgefühl überwunden – sich über die Grenze gestellt. Unsere Gemeinschaft liegt zwar geografisch noch immer am Rand, aber nicht mehr am Rand des politischen und gesellschaftlichen Lebens.

Am Ende seines Buches „Hinter ostbelgischen Kulissen“ schreibt Hubert im Jahre 2000: „Das Wissen um die Aufbruchjahre ist bei der heute aktiven Generation weitgehend verblasst…aber: Die Erinnerung soll weiterleben, um die Zukunft besser gestalten zu können.“ 9 Jahre später, in seiner Rede zur Verabschiedung der PDB (14.11.2009) sagte er: “Derzeit ist bei allen Parteien die Gefahr vorhanden, dass sich eine politische Selbstverständlichkeit, ein politischer Pragmatismus, ein zu starkes Strukturdenken einstellt und ein kreatives Ferndenken erstickt.“
Klingt in beiden Zitaten nicht ein wenig Enttäuschung mit? Der junge Parla¬mentspräsident meinte vor kurzem, mit dem bevorstehenden Einzug des Parlaments in das neue Gebäude beginne für das PDG eine neue Ära. Vielleicht könnte dieses Ereignis für alle Akteure unserer Autonomie die Gelegenheit sein, in diesem Buch einen Blick zurück zu werfen und dadurch die Bedeutung der bisherigen Entwicklung zu erkennen, das Erreichte zu würdigen – statt sich mit belanglosen Details und völlig nebensächlichen Kleinigkeiten zu befassen – und dann noch einmal mit Ferndenken die Zukunft besser zu gestalten und die fehlenden Bausteine einzufügen.

IV. Bedeutung für seine Treesche Heimat, unsere Gemeinde und für mich
An den Anfang dieser Würdigung habe ich bewusst seine Werke über sein Elternhaus, seine Kindheit, seine engere Heimat gesetzt, in denen die Voraussetzungen für seine Bedeutung auf Ebene unserer Gemeinschaft beschrieben sind.
Am Ende will ich wieder zu seiner Heimat zurückkommen, die mittlerweile zur Gemeinde Büllingen gehört. Dort durfte ich 30 Jahre lang verschiedene Ämter ausüben und dabei immer auf seine Ratschläge, Informationen und auch ganz konkrete Hilfe zählen. Zu vielen Initiativen hat er Denkanstöße gegeben, erste Impulse vermittelt und konkrete Verwirklichungen angeregt.

So im Jahre 1988, als er vor den Gemeinderatswahlen die BRF-Wahlsendung moderierte und alle Teilnehmer mit der Frage überraschte, wie sie denn im Jahre 1989 die 1200 Jahre der Ersterwähnung Büllingens begehen wollten. Das war der Anstoß zu den großartigen Feiern, zu der Gestaltung eines offiziellen Gemeinde¬wappens, für das er die fundierte geschichtliche Begründung lieferte. Und bei der Erarbeitung des umfangreichen Buches „Altes Land an der Work“ war sein Beitrag als Autor und Ratgeber eine Qualitätsgarantie.

Genauso verhielt es sich 2004 bei den Feiern in Manderfeld anlässlich der 1150 Jahre der Ersterwähnung Manderfelds am 10. Juli 854. Auch hier standen seine profunden Geschichtskenntnisse Pate. Die Feierstunde am 10. Juli, die Aus¬stellung, das Buch über Manderfeld – alles trug seinen Stempel.

Es gibt wohl keine Ortschaft unserer Gemeinde, die für „ihr“ Geschichtsbuch nicht auf seine ebenso bereitwillige wie fundierte Hilfe zurückgegriffen hätte. Ich persönlich konnte dies Anfang der 1980-er Jahre konkret erleben, als der Gesang¬verein Mürringen zu seinem 100-jährigen Bestehen eine Festschrift herausgab. Wie viel hat damals die Geschichtsgruppe, wie viel habe ich selbst damals nicht von ihm gelernt?
Insgesamt darf man wohl behaupten, dass er einen unschätzbaren Beitrag zu dem Geschichtsbewusstsein unserer Bevölkerung geliefert hat. Er wusste, wie es in dem bekannten Spruch heißt: „Geschichte ist nicht von gestern.“ Oder um es anders auszudrücken: Wer geschichtslos ist, läuft Gefahr, gesichtslos zu werden.

Genau das schrieb er 1980 im Vorwort zu seiner Schrift „Das St. Elisabeth-Haus in Manderfeld“, um die „50jährige fruchtbare und wohltätige Anwesenheit der Augustinerinnen“ in diesem Eifelkloster zu würdigen: „So möge denn diese Schrift ihren Weg in die Öffentlichkeit antreten. Wenn ihre Lektüre die Liebe zur Heimat wecken und das Selbstbewusstsein unserer Menschen fördern kann, hat sie ihr Ziel vollends erreicht.“
Was ich damals von ihm lernte, war für meine spätere Verantwortung sehr wichtig.

  • Schon 1977, als ich in der neuen Fusionsgemeinde Schulschöffe war und die ersten Pläne zu einer neuen Gemeindeschule in Manderfeld heranreiften, hatte er mir nahegelegt, diesem Gebäude den Namen „Clara-Viebig-Schule“ zu geben und damit dieser für Manderfeld so bedeutenden Eifeldichterin endlich ein Denkmal zu setzen – dieser Anregung kam der Gemeinderat gerne nach.
  • Aber in der Broschüre von 1980 lernte ich erst die Geschichte dieses Eifelklosters und vor allem die Unterstützungsaktion der Eifeldichterin Clara Viebig genauer kennen, als ich das bei unserem Deutschlehrer Bruno Thomé geschafft hatte . Ich war fasziniert von ihrem Brief, in dem sie ihre Liebe zur Eifel schildert: „Als ich an einem heißen Sommertag (…) nach dort [Manderfeld] fuhr, war es mir recht ungemütlich zu Sinn. Eine lange, ermüdende Fahrt, und nur der, der die Eifel so liebt, wie ich, konnte sie reizvoll finden“. Noch mehr war ich fasziniert von der „Skizze“ „Auf dem Rosengarten“, in der sie das Schicksal der Typhuskranken schildert. Das Honorar von 500 Mark spendete sie für den Bau des Krankenhauses, die Kölnische Zeitung steuerte denselben Betrag bei, der deutsche Kronprinz, auf diese Novelle aufmerksam gemacht, spendete 1.000 Mark. Mit dieser Hilfe und dank der Tatkraft des tüchtigen Bürgermeisters Sieberath und dem Einsatz vieler Helfer entstand dieser Bau 1907-1908.  Danach erlebte er eine höchst wechselvolle Geschichte. Und dank seiner Schrift hatte ich auch Kenntnis von dem Beschluss des Manderfelder Gemeinderates vom 28. Februar 1933, der Gesellschaft der Augustinerinnen diesen Bau unent¬geltlich abzutreten, aber mit einigen Bedingungen. Die erste lautete: „Die Gesamt¬gebäulichkeiten dürfen nur zu Wohltätigkeitszwecken, zum Beispiel für Asil (…) benutzt werden.“ Warum erzähle ich das so ausführlich, warum erwähne ich diesen Gemein¬deratsbeschluss zum ersten Mal in der Öffentlichkeit?
  • Nun, am Mittwoch 6. Dezember 2000, gegen 15.40 Uhr erfuhr ich vom BRF, die Regierung habe beschlossen, in diesem Gebäude, in dem eine Jugendherberge gut funktionierte, ein Asylbewerberheim unterzubringen. Da begann die schwierigste Zeit meiner Bürgermeisterzeit. Am 13.12. waren wir zu einer Besprechung im Kabinett des zuständigen Ministers; am Tisch saßen sehr viele Personen von eben so vielen Verwaltungen. Ich wusste, dass der Regierungs¬beschluss nicht zu ändern war, und ich wollte durch eine kooperative Haltung möglichst große Unterstützung erhalten – angesichts der zahlreichen Fragen und Schwierigkeiten, u. a. in Bezug auf das Gebäude. Nach der Versammlung nimmt einer der Herren mich auf Seite – es war der oberste Dienstherr des „Immobilien–Erwerbs–Komitees!“ Da habe ich ihm die Entstehungsgeschichte des Eifelklosters ausführlich schildern können – nur weil ich sie von Hubert genau kannte. Dieser Herr hatte sehr viel Verständnis, und ich wusste danach: Das Kloster wird nicht enteignet, es bleibt in Gemeindeigentum.

Für den Schluss habe ich mir – wen wundert’s? – das für unsere Gemeinde bedeutendste Denkmal aufbewahrt, für dessen Erhalt und Restaurierung Hubert sich unschätzbare Verdienste erworben hat. Ich brauche es nicht vorzustellen, Sie sitzen darin, hier in der Kapelle Krewinkel, in dem „aussagekräftigen Symbol des kulturellen Selbstbehauptungswillens.“ Mehr als 30 Jahre lang hat dieses Denkmal uns verbunden:
1974, als ich in dem erstmals gewählten RdK an der Resolution mitarbeiten durfte, das Gebäude nicht Stein für Stein abzutragen und zu verkaufen.
1977, als ich Schöffe der Gemeinde Büllingen wurde, hat er mich gedrängt, in einer Versammlung aller betroffenen Instanzen die dringendsten Rettungs¬maßnahmen einzuleiten. Wir waren dem damaligen Bürgermeister Hagelstein dankbar, dass er als Bauunternehmer wusste, welche Arbeiten zur Sicherung erforderlich waren, und sie auch durchführen ließ.
1988, als ich gerade zum Bürgermeister ernannt, aber noch nicht im Amt war, lud er mich schon ein, um die weitere Marschroute zur wirklichen Restaurierung zu besprechen. Und dann begann das langwierige Abenteuer der eigentlichen Restaurierung der spätgotischen Kirche. Ich erspare Ihnen diese unendliche Geschichte; Sie können sie nachlesen in der Broschüre, die – wie sollte es anders sein? – unter der Ägide von Hubert entstanden ist.

Ich darf als unmittelbar betroffener Mitakteur sagen: Ohne die unermüdliche Triebfeder, die beharrliche Unterstützung und ganz konkrete Hilfe von Hubert hätten viele aufgegeben, hätte ich öfters verzweifelt. Er wusste immer Rat und auch Tat: Er war der Gründer und Präsident des „Kultur- und Museumsvereins“, er war ja auch verantwortlich in der Denkmalschutzkommission. Und als einmal unerwartete Kosten wegen der Wandmalereien auftauchten und deren Finanzierung im Gemeinderat unsicher war, da hat er den entscheidenden und erfolgreichen Kontakt zu dem großzügigen Sponsor Ritter Bourseaux und der König-Balduin-Stiftung geschafft. Und so wurde sie gerettet, 2002 entstieg sie wie ein Phönix aus der Asche, die spätgotische Kirche, „deren spitzer Turm wie ein mahnender Finger zum Himmel weist.“.

V. Schlusstakt:
Und dort ist Hubert jetzt, schaut uns zu und denkt: Hoffentlich passen die gut auf meine Kapelle auf!. Und mir wird er ganz sicher sagen: Lieber Gerhard, in alter Verbundenheit! (so endeten sehr oft seine Briefe) Aber nun übertreib mal nicht!

Nein ich übertreibe nicht, wenn ich sage: ich bin Hubert unendlich dankbar für all das, was er für mich war, für all das, was er für seine geliebte Heimat geleistet hat.
Und ich bin sehr traurig, dass er nicht mehr unter uns ist. Ein weiser Spruch sagt: “Trauer ist Liebe, die heimatlos geworden ist.“ Und ein bisschen heimatlos sind wir alle.
Und dennoch: Im „Schlusstakt“ seines Buches über den „Winkel am Römerberg“ schreibt er: „Mit diesem Schlusstakt verlassen wir Krewinkel. Stets hat uns folgende Gewissheit begleitet, auch dann, als wir eigentlich nur äußerlich und physisch Abschied vom Dorfe nahmen, dass uns hier jederzeit eine liebevolle Rückkehr sicher war.“ Ich glaube, heute ist er zurückgekommen, und diese Feststunde hilft uns, den Schmerz unserer Heimatlosigkeit etwas zu mildern.

Nun habe ich sehr ausführlich und lange die Verdienste von Hubert Jenniges beschrieben. Aber diese Würdigung wäre unvollständig, würde ich die Frau an seiner Seite vergessen. Jeder weiß: Neben einem starken Mann steht eine mindestens ebenso starke Frau, die sein Wirken nicht nur erträgt, sondern unterstützt und fördert, ohne deren oftmals stilles Mitwirken und unverzichtbare Hilfe dieses Wirken unmöglich wäre.
Liebe Frau Jenniges, Sie dürfen, nein, Sie sollen die gesamte Würdigung auch auf  sich selbst beziehen!

Vieles in dieser Würdigung habe ich bei Hubert abgeschrieben; da darf der Schlusssatz nicht fehlen: Ich danke Ihnen herzlich dafür, dass Sie mir so lange so geduldig zugehört haben.

Quellen:

  • Jenniges H.: Eifeler Kindheit, Erinnerungen aus einem fernen Jahrhundert, GEV, 2004
  • Jenniges H.: Der Winkel am Römerberg, Geschichtliches über die Pfarr- und Dorfgemeinschaft Krewinkel, Festschrift anläßlich des 100. Jubiläums des Kirchenchors St. Cäcilia, PRO D&P 1990
  • Jenniges H.:     Das St. Elisabeth-Haus in Manderfeld, Werdegang eines Eifelklosters, Pfarrwerke Manderfeld, als Manuskript gedruckt, 1980
  • Jenniges H. (Hg.): Kapelle Krewinkel – Geschichte – Architektur – Umfeld,  Verlag Geschichts- und Museumsverein ZVS, 2002
  • Jenniges H.:     Hinter ostbelgischen Kulissen – Stationen auf dem Weg zur Autonomie 1968-1972 , Grenz-Echo Verlag GEV, 2000
  • Jenniges H.: Pfarrhausgespräche, Interview mit den Priestern Schomus, Joppen und Kettmus, Privatmanuskript, 1983 (teilweise verarbeitet in „Hinter ostbelgischen Kulissen, S. 72-78 unter dem Titel „Die Dreifaltigkeit“)
  • Jenniges H. et al. (Hg): Deutsch als Umgangs- und Muttersprache in Belgien. Akten des Kolloquiums in Arel vom 17. bis 18. Januar 1987, Selbstverlag 1988
  •   Akten des Europäischen Symposiums Eupen 26.-29. März 1987, Selbstverlag, 1989
  • Jenniges H.:     Rede am 14.11.2009 zum Abschied der PDB 14.11.2009, Privatmanuskript
  • ZVS-Zeitschrift: November 2012, Nachruf
  •                                  Dezember 2012 Streiflicht „Die Eingangspforte zum verlorenen Paradies“
  • Paasch Lorenz: Rede am 30.04.2011 „Aufbruchstimmung –Die Gründung der PDB und die ersten Wahlen (1974, 1977), Privatarchiv
  •     Interview im GE am 24.01.13
  • Cremer Freddy: 1963-1973: Autonomie und Autonomiebewußtsein  (zum Thema: 20 Jahre RdK / RDG) in I&M 3-1993 Seiten 3-5 /I&M 4-1994, Seite 7.
  • Dries Josef: „Die Sprachenfrage“ in „Eine Schule in ihrer Zeit“ – Die Geschichte der Bischöflichen Schule Sankt Vith, PRO D&P, 1981 (Seiten 127-129)
  • „Der Fall Schröder“: Protokolle der Sitzungen des „Beratenden Kulturausschusses“ des BHF vom 10.09.1969 bis zum 19.11.1970 (im Privatbesitz)
  • „50 Jahre Geschichte der Ostkanone“: BHF-Sendungen in deutscher Sprache – 5teilige Sendung 1972 von Peter Thomas (30.09. und 7.10.) und Hubert Jenniges (14., 21., 28.10)
  • Zur Staatsreform – Gesamtrahmen: eigene Unterlagen / Saga Belgica in Le Soir Mai-Juni 2008