Burg und Herrschaft Reuland

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Geschrieben am 05.01.2012

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Burg und Herrschaft Reuland

Der Name des Ortes Reuland leitet sich vom Rittergeschlecht ab, das urkundlich ab dem 12. Jahrhundert bekannt ist. Das Geschlecht der Herren von Reuland erscheint erstmals urkundlich i.J. 1128 mit Johann, der Abt von Stavelot-Malmedy war. Dieses Rittergeschlecht starb 1313 mit Arnold von Reuland aus. Der bekannteste Reuländer Ritter dürfte Dietrich von Reuland gewesen sein, der am Kreuzzug Kaiser Barbarossas teilnahm und 1189 vor Akkon gefallen ist. Sein heldenhafter Kampf gegen die Feinde des Christentums hat ihm den Titel „Löwe von Reuland“ eingebracht. Ab 1264 ist die Burg als luxemburgisches Lehen bekannt und die Herren von Reuland haben in der Zeit gute Beziehungen zu ihrem Landesherrn.

Das Gebiet der Herrschaft Reuland ist wohl im 9. oder 10. Jh. vom fränkisch-karolingischen Königshof Thommen abgekoppelt worden und hat als Verwaltungseinheit im Herzogtum Luxemburg bis zum Ende des Ancien Régime bestanden. Dieses Gebiet war zwar schon in keltischer und römischer Zeit besiedelt, wie wir aus den Altertumsfunden in der näheren Umgebung wissen (z.B. Hügelgräber). Nach dem Abzug der Römer gelangte unser Gebiet als herrenloses Land in den Besitz der fränkischen Könige (Merowinger, später Karolinger). Als solch ein Königsgut wird der Hof Thommen i.J. 814 erstmals erwähnt. Solche Königshöfe, landwirtschaftliche Zentren, erwiesen sich bei den Einfällen der Ungarn und der Normannen als ungeschützte Liegenschaften Daher begann auch in unserem Gebiet der Burgenbau, meist an sicheren Stellen in Flusstälern. Auf dem Felsvorsprung über dem Ulftal entstand der Burganlage im 9. oder 10. Jahrhundert, in dessen Schutz sich dann die Ortschaft entwickelte. Archäologische Grabungen belegen, dass der Burgplatz schon im 10. Jahrhundert besiedelt war. Im 11. und 12. Jahrhundert wird dieser Lebensraum mit Umfassungsmauern und einem Bergfried befestigt worden sein. Das Geschlecht der Herren von Reuland dürfte somit die Wehranlage mit Zugbrücke und Wassergraben erbaut haben.

Bis zum 14. Jahrhundert wird die Anlage, die sich mittlerweile auf einer Fläche von 65 x 55 m ausgedehnt hat, ständig ausgebaut und verbessert.

Die Ansicht des Jahres 1592 zeigt eine schlossähnliche Anlage, die den Ort mit dem Hauptgebäude, den Gärten und Weihern dominiert. Um diesen herrschaftlichen Bezirk liegen die Behausungen der Einwohner. Im Bereich des heutigen Pfarrhauses, außerhalb der Burgmauer (des Burgfriedens ) erkennt man die „Freiheit“, den Gerichtsplatz mit Gerichtskreuz der Herrschaft Reuland. Ein Mühlengraben zieht sich wie heute durch die Ortsmitte, versorgt die Mühle und fließt dann in die Ulf (Ouloff ) ab. Der heute auf vielen Postkarten markante Straßenzug der Wenzelbach deutet sich am rechten Bildrand an.

Diese schutzwallartige Häuseranordnung dürfte auf Grund topographischer Gegebenheiten entstanden sein, denn hierorts stößt man unmittelbar „aan de Bjärrisch“, wie der Volksmund sagt.
In der Wenzelbach hatte auch „Haartert“ (Gerhard Messerich, 1836-1906), ein bekanntes Original des St.Vither Landes, gelebt. Er war Tagelöhner, Lumpensammler und Schausteller und zog durch die Dörfer, wobei er besonders die Obrigkeit veralberte. Heute erinnert nur noch die kleine Vorhalle mit dem Weihwasserstein an ihn – „Haartert seng Kéche“ – in der St. Stefanus-Kirche, wo er des Sonntags immer seinen festen Platz hatte.
Die in unseren Dörfern selten vorkommende Bauweise des Kirchturms ist das Schmuckstück der „Ulf-Metropole“, wie Haartert seinerzeit den Ort benannte. Neben dem Burgfried ist er das Wahrzeichen der waldreichen reizvollen Berg- und Tallandschaft. Kein Wunder, dass viele flämische und deutsche Mitbürger hier ihr Sommerdomizil ausgewählt haben und immer wieder schwärmend von der schönen Umgebung berichten.

Kirche

Eine Kapelle in „Ruland“ wird erstmals im Jahre 1213 in einer Urkunde des Abtes Alard von Stablo-Malmedy genannt, worin dieser dem Herren von Reuland das Präsentationsrecht (Ernennung des Pfarrers) für die Kirche in Thommen überträgt, deren Pfarrer auch die Kapelle unserer Lieben Frau im Ulftal, in Reuland versehen soll.
Der erste namentlich bekannte Kaplan in Reuland ist ein gewisser Johannes, der in einer Urkunde 1330 genannt wird. Im Jahre 1336 wird die Kapelle U.L.F.im Ulftal als ganz baufällig bezeichnet, als „capellanus in rulant“ wird um diese Zeit ein gewisser „johannes“ bezeichnet.
Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde vermutlich unter Baltasar von Pallant ein Neubau der Kapelle ausgeführt. Ein Wappenstein und die Jahreszahl 1621 deuten darauf hin. Im Jahre 1771 wurde die alte baufällige Muttergotteskapelle in Reuland abgerissen. An ihrer Stelle wurde die jetzige größere Kirche erbaut. Die Einwohnerzahl Reulands war nämlich gestiegen, während die Wewelers zurückging. Dieser Umstand hat wohl mit dazu beigetragen, dass Reuland zum Pfarrort erhoben wurde: der Sitz wurde schon im 17. Jh. von Weweler nach Reuland verlegt, doch blieb Reuland bis 1803 kirchenrechtlich eine Kapellengemeinde.
Die neue Kirche wurde nach Plänen des Rechter Baumeisters Ferdinand Starck errichtet, wobei Meister Johann Reisdorff aus St.Vith die Schreinerarbeiten übernahm. Das rundbogige Portal mit rechteckigem Blausteinrahmen und Jahreszahl 1772 sowie die Madonna in der Muschelnische dürften Arbeiten von Steinmmetzmeister Starck aus Recht sein. Die Doppelwappen Pallant – von Millendonck an den Westkanten des Turms stammen noch von der vorigen Kirche; das Monogramm in den Ecksteinen am Fuß des Turmes weist darauf hin, dass dieser Burgherr die vorherige Kapelle errichten ließ: B(althasar) v(on) P(allant) E(rexit). Auch über der Sakristeitür befindet sich das Pallantsche Wappen mit der Jahreszahl 1621 (heute durch die Täfelung verdeckt).
Eine Sakristei wurde 1869 angebaut. Die Kirche erfuhr eine weitere Vergrößerung i.J. 1912 durch das Hinzufügen des nördlichen Seitenschiffes, das mit dem alten Raum durch Arkaden auf Säulen verbunden ist. Angefügt wurde damals auch ein Querhauses und ein neuer Chor mit Sakristei.

Bei dieser Gelegenheit wurde der mit Wappen geschmückte Marmorsarkophag (aus belgischem Schiefermarmor, 1,89 x 1,13 x 1,11 m) des Balthasar von Pallant (+ 1625) und seiner Frau Elisabeth von Millendonck (+1614) wieder zusammengefügt; die Einzelteile waren bis dahin in der Nordwand der Kirche vermauert. Die Deckplatte trägt in Flachrelief die liegenden lebensgroßen Figuren des Ehepaares in betender Haltung. Am Panzerriemen des Ritters hängt ein Schlüssel als Zeichen der Erbkämmererwürde von Luxemburg. König Wenzel hatte dem Edmund von Engelsdorf als Herrn von Reuland am 24.Juni 1384 die Würde eines Erbkämmerers (Finanzverwalter) des Herzogtums Luxemburg verliehen. Dieser Ehrentitel blieb mit der Herrschaft Reuland verbunden.

Die Pfarre Reuland hat einen bedeutenden Umfang: im Süden grenzt sie an die Diözese Luxemburg (Pfarre Weiswampach), im Osten an die Diözese Trier (Pfarre Winterspelt). Folgende Orte und Weiler gehören zur Pfarre Reuland: Bracht, Alster, Koller, Maspelt, Luxhof, Hasselbach, Lascheid, Weweler, Stubach und Diepert.

Schule

Seit dem Jahre 1825 herrschte in Preußen Schulpflicht. Doch nicht alle Ortschaften verfügten schon über ein eigenes Schulgebäude. Vikare, Haus- und Wanderlehrer waren bis dahin mit der Unterrichtung der Kinder beauftragt – von regelmäßigem Unterricht war man weit entfernt. Doch auch in den ersten Jahrzehnten der preußischen Zeit setzte sich die Einsicht in eine schulische Erziehung der Kinder nur langsam durch, denn sie waren wertvolle Arbeitskräfte in der häuslichen Landwirtschaft.

Vor dem Bau der ersten Reuländer Schule wurden die Kinder sporadisch in einem Hause unterrichtet, welches zwischen der Kirche und dem Pastorat lag. Recht früh für Eifeler Verhältnisse, d.h. 1835, wurde dann, nach langen Planungen, die erste Schule erbaut. Der Bau fiel zur Zufriedenheit aller Beteiligten aus und der regelmäßige Schulbetrieb konnte beginnen.
Am 27. November 1856 wurden 2 Klassen eingerichtet und zwar eine Knaben- und eine Mädchenklasse. Die Knabenklasse befand sich im jetzigen Schulhause. Die Mädchenklasse wurde Frl. Philippine Lamberty übertragen, welche als Lehrpersonen Ordensschwestern berief. Die Mädchenklasse befand sich im Hause von Frl. Lamberty (Haus «Klohsse Buttik») bis am 19. November 1869 deren Auflösung erfolgte.

Im August 1860 trat Lehrer Hinterscheidt den Dienst in Reuland an; ein Gehilfe (Aspirant) unterrichtete die drei ersten Jahrgänge. Im Jahre 1881 übernahm Lehrer Pflips diese Aufgabe; die Kinder waren in einem gemieteten Saale im Lambertyschen Haus untergebracht und 1888 wurde für diese Klasse im Hause des Herrn Rom ein Saal angemietet.
Nachdem Lehrer Hinterscheidt im Juli 1894 nach 39jähriger Dienstzeit in den Ruhestand trat, übernahm Lehrer Pflips seine Nachfolge; 101 Kinder bevölkerten damals das Schulhaus. Doch die Reuländer mussten sich noch 21 Jahre gedulden, bis ein zweites Schulgebäude zur Verfügung stand. Auf dem alten Marktplatz, ausgangs des Dorfes, wurde gebaut: Kellerräume, zwei große Klassenräume im Erdgeschoss, eine geräumige Lehrerwohnung im Obergeschoss sowie ein großer Speicher standen ab 1915 zur Verfügung. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Schulbetrieb unter belgischem Regime aufgenommen. Die Schulkinder wurden in 3 Klassen aufgeteilt: das 1. und 2. Schuljahr (Jungen und Mädchen) sowie das 3.-8. Schuljahr (Mädchen) fanden im neuen Gebäude Platz, während die Jungen des 3.-8. Schuljahres in der alten Schule verblieben.

In der Zwischenkriegszeit unterrichteten Hauptlehrer Feller, seine Frau Rosa Jung und Frl. Anna Schneider in Reuland. Die Knabenschule wurde bis 1970 und die Mädchenschule bis 1985 benutzt. Emil Gennen (+2009) war der letzte Lehrer, der in der Reuländer Gemeindeschule unterrichtete.

Im Jahre 1969 gründete der belgische Staat eine Mittelschule in der Gemeinde Reuland – Reuland bekam sein drittes Schulgebäude, das sich nachher zu einem Schulkomplex ausweitete. Neben dem Hauptgebäude wurden Werkstätten für den technischen und beruflichen Unterricht (Holz, Eisenabteilung, Nähen, Zuschneiden) gebaut, so dass der Schulbetrieb im September 1969 beginnen konnte. 1969 waren die ersten 7 Schüler der Mittelschule noch im Postgebäude untergebracht und zu Beginn des neuen Schuljahres 1969-70 besuchten schon über 100 Schüler die neue Schule. In den folgenden Jahren wurden weitere Gebäude wie Kindergarten (1973), Primarschule (1978) und Sporthalle (1980) errichtet. 1991 musste die Mittelschule wegen Schülermangel geschlossen werden; die Grundschule wechselte 2008 von der Trägerschaft der Deutschspr. Gemeinschaft in die Obhut der Gemeinde.

Handwerk und Gewerbe

Schon im Mittelalter werden die Bewohner der Ortschaft Reuland ihre Tätigkeiten den Bedürfnissen und Anforderungen der Burgbewohner angepasst haben. Zimmerleute, Schmiede, Maurer, Steinmetze, aber auch Bäcker, Metzger, Müller, Bauern, Fuhrleute sowie Burgmägde und -knechte dürften sich im Schatten der Burg angesiedelt haben und zur Versorgung der Burgbewohner, aber auch der einfachen Bürger beigetragen haben. Auf der Zeichnung aus dem Jahre 1592 erkennt man um die Burg herum Gärten, Weiher und eine Mühle. Aber nicht nur diese Liegenschaften dienten dem Unterhalt der Burgbewohner, die zudem in Nachbargebieten weiteren Grund und Boden besaßen, der von eigenen Land- bzw. Waldarbeitern bewirtschaftet wurde. Die Abhängigkeit der Bewohner von den Grundherren war im mittelalterlichen Gesellschaftssystem verankert, dem zufolge Adel, Klerus und Bürgertum als bestimmende Klassen fungierten.

In einer zeitgenössischen Beschreibung des Bauernlebens schildert der Gelehrte Sebastian Münster ein tristes Dasein der unteren Klasse: „Der viert Standt ist der Menschen, die auf dem Felde sitzen, und in Dörffern, Höfen und Wylerlin (Weilern), und werden genannt Bawern, darumb das sie das Feld bauwen. Diese fürn ein gar schlecht und niederträchtig (erbärmliches) Leben. Es ist ein jeder von dem andern abgeschieden und lebt für sich selbst mit seinem Gesind und Vieh. Ihre Häuser sind schlechte Häuser von Kot und Holz gemacht und mit Strow gedeckt. Ihre Speiß ist schwarz ruken (Roggen) Brot, Haberbrei oder gekocht Erbsen und Linsen. Wasser und Molken ist fast ihr Trank. Ein Twilchgippe, zwen Buntschuch und ein Filzhut ist ihre Kleidung. Diese Leut haben nimmer Ruh. Früh und spat hangen sie der Arbeit an. Sie tragen in die nechste Stadt zu verkauffen, was sie Nutzung überkommen auf dem Feld und von dem Vieh und kauffen ihn dagegen was sie bedörffe. Ihren Herren müssen sie oft durch das Jahr dienen, das Feld bawen, säen, die Frucht abschneiden und in die Schewer führen, Holz bawen und Gräwen machen

Ob die Zustände in Reuland auch so waren, lässt sich mangels Quellen nicht belegen. Immerhin sind in dieser Zeit wohl schon die Grundlagen für das spätere Handwerks- und Handelszentrum des Ulftales gelegt worden, in der landwirtschaftliche Tätigkeiten nicht die Haupteinnahmequelle darstellte: Schmiede, Müller, Gerber, Bauhandwerker, Fuhrunternehmer und Gastwirte bildeten schon im ausgehenden 17. und frühen 18. Jahrhundert einen Reuländer Mittelstand und ließen Reuland zum wirtschaftlichen Zentrum des mittleren Ourtales werden. Die Postkutschenverbindung nach Luxemburg und St.Vith tat ein Übriges.

        

Mit dem Bau und dem Betrieb der Eisenbahn (ab 1889) öffneten sich neue wirtschaftliche Perspektiven: Bedienstete mit monatlichem Gehalt, Geschäftsleute und Unternehmer sorgten für Umsatz und ökonomischen Fortschritt. In Bahnhofsnähe entstand ein neues Wohn- und Geschäftsviertel und auch das etwa 1 km vom Bahnhof entfernt liegende Dorf sowie das Umland profitierten vom Bahnbetrieb, der in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts vor allem durch den Güterverkehr zwischen Aachen und Luxemburg einen enormen Aufschwung kannte. Aber auch die hiesigen Land- und Forstwirte erfuhren durch die Eisenbahn eine Steigerung ihrer Erträge.
Bedingt durch den Strukturwandel nach dem 2. Weltkrieg verlor die Bahn ihre Bedeutung, aber auch das lokale Handwerk und die Geschäftswelt sah sich neuen Herausforderungen gegenüber, die dazu führten, dass einige Betriebe eingestellt wurden und neue mit überregionaler Ausstrahlung entstanden.
Als neuer Sektor hat sich mittlerweile der Tourismus etabliert, dessen zaghafte Anfänge schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu beobachten waren.
Eine überaus reizvolle Landschaft, eine ausgeprägte Gastlichkeit und ein beschaulicher Lebensrhythmus sind wohl die Trümpfe, die die Besucher schätzen.

     

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