Hubert Jenniges: Eine Botschaft der Würdigung

Abgelegt in Heckingschild

Geschrieben am 12.11.2011

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Laudatio für Prof. Dr. Alfred Minke anlässlich der Verleihung des Dr. Anton-Hecking-Schildes am 13. April 2002 im Rathaus zu St.Vith

Sehr verehrter Herr Dr. Minke,
Werte Festversammlung,

Wir haben heute den Weg hierhin gefunden, um einen Menschen zu ehren, der  durch seine “heimatgeschichtliche Tiefenwirkung” gleich mehrere Bausteine in der kulturellen Architektur unserer Region gesetzt hat. Prof. Dr. Alfred Minke steht als 9. Heckingschildträger in der Reihe bekannter Persönlichkeiten, die der Geschichtsverein “Zwischen Venn und Schneifel” seit 1986 in einem Zweijahres-Rhythmus aufgrund ihrer regional-und landesgeschichtlichen Leistungen auszeichnet; Persönlichkeiten mit einer Ausstrahlung, die im Sinne des ersten großen Geschichtsschreibers unseres Gebietes, Dr. Anton Hecking,  der Regionalgeschichte, sowohl im nahen wie im weiten Sinne, ein neues Profil verliehen haben – ZVS-Vorsitzender, Klaus-Dieter Klauser, hat soeben den geografischen Umfang dieser Leistung abgesteckt.
Wir möchten, nebenbei sei diese Bemerkung gestattet, an eine weitere Parallele zu Dr. Hecking erinnern : Wie der St.Vither Geschichtsschreiber war auch Dr. Alfred Minke als engagierter und verantwortungsbewusster Bürger in seiner Heimatstadt vorübergehend der “res publica”, der öffentlichen Sache, dienlich. Bei beiden Persönlichkeiten, die sich heute in dieser Feierstunde kreuzen, war dieses, für beide sicherlich auch bereichernde Zwischenspiel auf der lokalen politischen Bühne, beim nächsten Kulissenwechsel zu Ende – zum Wohle der Wissenschaft, der Heimatkunde und der kulturellen Förderung dieses Raumes.
Ich bin sicher, dass mir der neue Hecking-Schildträger Alfred Minke diese Anmerkung mit einem Schmunzeln abnimmt, mit dem Schmunzeln, das ihn schon immer auszeichnete.
Und noch einen Punkt möchte ich in diesem “praeambulum laudationis” erwähnen : Unsere schöne Eifel darf sich heute auch mal über Eupen freuen. Die berüchtigte “Einbahnstraße” wird mal in anderer Richtung befahren. Die Barriere des Hohen Venns, so dünkt mir, dürfte nach dieser Auszeichnung einiges von ihrem Schrecken einbüssen und den seit Jahren bereits angekurbelten Annäherungsprozess zwischen den beiden Gebiets-Komponenten der Deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien, dem Eupener Land und der Eifel, beschleunigen. Dies entspricht sicherlich dem kulturellen Verständnis Dr. Alfred Minkes, der erwiesenermaßen in Richtung dieser Nord-Süd-Integration gewirkt hat und stets noch wirkt.

Meine Damen und Herren !

Wir ehren heute den Historiker, den Wissenschaftler, den Leiter des Staatsarchivs in Eupen, aber auch den Menschen und Pädagogen Alfred Minke.
Prof. Dr. Minke tritt selbstredend zunächst als Historiker in den Vordergrund, der sich in allen Segmenten der Landesgeschichte, vor allem aber auf dem Fachgebiet der Kirchengeschichte, und hier besonders in der Behandlung der Umwälzungen in der Franzosenzeit, einen Namen gemacht hat. Alfred Minke promovierte an der Katholischen Universität Löwen mit einer glänzenden Arbeit über den Lütticher Konkordatsbischof, Jean-Evangéliste Zaepffel, und über die während dessen Amtszeit durchgeführte Reorganisation der alten Diözese Lüttich. Minkes Doktorarbeit war ein wichtiger Ausgangspunkt für die weitere wissenschaftliche Arbeit. Seine voraufgegangene Lizenzabhandlung über die Entwicklung der Kirche im Eupener Land während der französischen Herrschaft war ihrerseits bereits der erste, wertvolle Anstoß in diese Forschungsrichtung.

Dr. Alfred Minkes Forschungsheimat ist das Rhein-Maas-Gebiet und in der Zusammenziehung dieser Eckpunkte der Raum an den Hängen von Venn und Schneifel. Davon zeugen die zahlreichen Beiträge, die er in verschiedenen landeskundlichen Darstellungen, so in den ZVS-Monatsblättern “Zwischen Venn und Schneifel” und in anderen großzügig ausgestatteten Publikationen unseres Gebietes regelmäßig veröffentlicht.
Die vorliegende Bilanz ist beeindruckend : 26 Einzelstudien größtenteils in Buchform, über 60 Beiträge und größere Aufsätze in den verschiedensten Publikationsträgern des In-und Auslandes, Gelegenheitsveröffentlichungen, Rezensionen und zahlreiche Vorträge – wenn wir alle Publikationen zusammenzählen, werden wir auf die staatliche Zahl von 200 Titeln kommen. Immer wieder erhält die kirchliche Vergangenheit einen bevorzugten Platz. Dabei erfährt der Begriff  “Kirchengeschichte” eine breite Gestaltung, denn Kirchengeschichte ist auch Sozial-und Kulturgeschichte.
Prof. Dr. Alfred Minke versteht es, die behandelten Ereignisse in ihren historischen Zusammenhang zu setzen. Da passt alles ineinander. Da wird Geschichte zum Erlebnis. Alfred Minke vermittelt die für manchen unerahnte Gabe, über das Vergangene zu staunen.
Das Staunen (aber) ist eine Sehnsucht nach Wissen”, meinte der große Thomas von Aquin. Wir brauchen das Staunen seit der frühesten Kindheit als Ansatz unserer Bewusstseinsbildung und folglich unseres Wissens. Wir brauchen ständig in unserem Leben das Staunen : in der Begegnung mit dem Neuen und somit auch mit der Vergangenheit in ihrem breitesten Fächer, wie sie uns Dr. Alfred Minke darstellt.

Werte Festversammlung !

Dr. Alfred Minkes wissenschaftliche Arbeit spiegelt sich auch in verschiedenen Aufträgen mit einem hohen Prestigegrad wieder: so in dem Forschungsauftrag des “Nationalen Zentrums für wissenschaftliche Forschung” von 1985 bis 1987 in Paris, seit 1985 in der Berufung als Dozent an der UCL in Louvain-la-Neuve und ab 1990 als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Lektorat der Endarbeiten an der Universität Lüttich. Zahlreiche wissenschaftliche Auszeichnungen begleiten diese Forschungstätigkeiten, darunter der Dreijahrespreis Terlinden der UCL im Jahre 1980, die Dreijahresstiftung der “Königlichen Akademie von Belgien” 1983 und der Fünfjahrespreis Léon Leclère im Jahre 1988, der ihm von derselben Akademie verliehen wurde.
Die Verleihung des Rheinlandtalers durch den “Landschaftsverband Rheinland” im Jahre 1998 kann als eine schätzenswerte Anerkennung des neuen Heckingschildträgers im Rheinland  gewürdigt  werden. In den hier organisierten Fachkonferenzen ist Dr. Alfred Minke stets ein gefragter, vielbeachteter Teilnehmer.

Werte Festversammlung !

Verständlicherweise ist es nicht einfach, die vielen Verdienste des neuen Heckingschild-Trägers anlässlich einer solchen Ehrung gebührend in eine Fassung zu gießen, die allen Aspekten seines Wirkens gerecht wird.
Nur ein Aspekt möge hier in den Vordergrund treten, weil er in überbordender Weise die “Tiefenwirkung” unseres Heckingschild-Trägers veranschaulicht : die Wegweisung aus einer geistig-gesellschaftlichen Verflachung.

Gestatten Sie mir, näher darauf einzugehen :
Wir leben in einer Spaßgesellschaft, die das Leichte, das Gefällige, das Kommerzielle, das Spektakuläre zum Vordersatz ihres Tuns erklärt hat. Die Unterhaltungs-und Freizeitindustrie demonstriert es uns tagtäglich in seichten, fragwürdigen Darbietungen, in den vielen Spielen, Spielchen und billigen “Soaps”, ohne die die allabendlich vor dem Fernsehgerät versammelte Spaß-und Lachgesellschaft offensichtlich nicht mehr auskommt.
Es ist der unübersehbare Trend nach einer Verflachung, im Zeittakt mit einer gleichzeitig sich fortbewegenden Walze allgemeinen Desinteresses, das gleichermaßen Religion und Ethik, Politik, Vereinsleben und soziales Engagement erfasst. Die Soziologen nennen dieses  gesellschaftliche Defizit “individuelle Nischenbildung”, die Politiker “Politverdrossenheit”, die Kirchenmänner “Verlust der Religiosität” oder “Glaubensschwund”.
Die Gründe dieser Entwicklung sind vielfältig; sie  sind natürlich auch mit einem defizienten, ja defekten Geschichtsbewusstsein verbunden. Sie stellen in vorrangiger Weise eine Herausforderung an das Schulsystem dar, wo die Darstellung eines historischen Zeitabschnitts möglichst in einem Spektakel veranschaulicht werden muss, wenn es beim jugendlichen Konsumenten erfolgreich ankommen will, wo selbst die Lektüre eines Meisterwerks der Literatur -beispielsweise eines Romans aus dem 19. Jahrhundert – recht selten noch interessierte Abnehmer findet. Die vernichtenden Ergebnisse der PISA-Studie, besonders in unseren Nachbarregionen und -Ländern, sind eigentlich nur eine, keineswegs verwunderliche Nebenerscheinung dieser Fehlentwicklung.
Ohne einem sterilen Kulturpessimismus zu verfallen, darf dennoch die Frage gestellt werden :  Leben wir in einem Tal der geistigen Anspruchslosigkeit?
Meine Damen und Herren !
Dr. Alfred Minke verkörpert mit der Solidität seines Wissens auch die Rolle eines Initiators, der uns ständig mit Neuland vertraut macht. Seit dem 1. März 1989 ist er als Leiter des Staatsarchivs in Eupen weit mehr als nur ein Verwalter unseres kollektiven Gedächtnisses. Es geht ihm um die Rettung eines Kulturerbes, um den Erhalt und die Deutung einer Hinterlassenschaft, um die Offenlegung der Bestände einer feinnervigen und filigranreichen Vergangenheit, die eine Zeitspanne von 9 Jahrhunderten abdeckt; Schriftdokumente einer Vergangenheit, die sich trotz der geografischen Enge unseres Raumes in mehreren Machtzentren abspielte.
Die derzeit unter Alfred Minkes Leitung vorgenommene Inventarisierung der Archive in den neun Gemeinden der Deutschsprachigen Gemeinschaft wird- nach ihrer für den Herbst dieses Jahres angestrebten Fertigstellung- ein besonders wertvolles Forschungsinstrument sein, das den Heimathistorikern in die Hände gelegt wird. Erstmals wird hier der Versuch unternommen, unser bodenständiges Archivgut zu sichern, das bisher unter gewiss nicht immer optimalen Bedingungen in Truhen, Schubladen und Schränken der Gemeinde-und Pfarrhäuser dahinschlummerte.  Dass sogar in einem Fall ein Bündel lokaler Archivalien buchstäblich im letzten Augenblick aus einer Mülltonne gerettet werden konnte, unterstreicht das gestörte Verhältnis einiger Zeitgenossen zu diesen Zeugnissen unserer Vergangenheit.
Dr. Minke hat am Eupener Kaperberg eine bewundernswerte Struktur aufgebaut, an der sich unser Gedächtnis orientieren kann. An dieser Struktur kann niemand vorbeigehen, der sich ernsthaft und professionell mit der Geschichte dieses Raumes befasst.

Das Staatsarchiv Eupen ist in meinen Augen eines der wohl wichtigsten Einrichtungen in unserer Gemeinschaft, obgleich es (noch) nicht in die Zuständigkeit der Gemeinschaft fällt. Hier pocht aber das Herz der regionalen Geschichte, wenngleich dies auch nicht so sichtbar in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.
Hier kann der nach Wahrhaftigkeit Strebende die Begegnung und auch die Auseinandersetzung mit einer facettenreichen und auch langen Geschichte angehen, deren Nachwirkungen heute unterschwellig stets noch greifbar sind, mit einer Vergangenheit, die viel weiter zurückgreift als die Schicksalsjahre 1920, 1933 oder 1940, die in jüngster Zeit so oft bemüht werden.
Ich sage “Wahrhaftigkeit” und nicht “Wahrheit”. Wahrhaftigkeit ist die ehrliche Suche nach einem Teil der Wahrheit; denn die Wahrheit gehört uns nicht, obgleich dies in dümmlicher Vermessenheit unlängst publizistisch verkündet wurde. Allerdings verlangt die Erfassung einer fernen zurückliegenden Vergangenheit einen besonderen Spürsinn, vor allem eine hohe Dosis an Sach-und Fachkenntnis. Wir finden diese Qualitäten bei Dr. Alfred Minke.
Dabei soll der Aufbau der “Historischen Bibliothek” nicht vergessen werden, die sich dem Staatsarchiv angliedert.  Hier kann “Neues” erforscht und eingesehen werden, Vergangenes, das in Vergessenheit geraten ist, aber dank einer gediegenen Fürsorge für die Nachwelt gesichert bleibt.

Irgendjemand -ich habe den Namen vergessen-  irgendjemand hat einmal gesagt, und das trifft mit Sicherheit auf das von unserem Hecking-Schildträger geleitete Staatsarchiv zu : “Es gibt nichts Neues, mit Ausnahme dessen, was vergessen worden ist”. Wer in voller Wahrhaftigkeit seine eigene Vergangenheit ergründen will –und das ist nicht nur der Schüler, der Student oder der passionierte Heimat-und Familienforscher; das sind wir Alle, die das “Neue”, das “Vergessene”, in unserem kleinen Leben suchen und rekonstruieren wollen – dem steht Dr. Minke zur Seite, mit Einfühlsamkeit, Verständnis, profunder Sachkenntnis und Hingabe.

Meine Damen und Herren !
Wer den berühmten “frisson du passé” spüren und erleben will, dem öffnet das Archiv am Eupener Kaperberg eine Tür. Hier wird dem Benutzer mehr als ein vergilbtes, altersschwaches Dokument zur Einsicht vorgelegt; hier kann er in ehrfurchtsvoller Scheu die Vergangenheit in ihrer vollen Materialität in den Händen halten. Er kann mit ihr kommunizieren, ja mit den Akteuren des vorgelegten Schriftstücks in einen wundersamen Dialog treten, selbst in ein fruchtbares Zwiegespräch kritischer Auseinandersetzung.
Die eben zitierte Spaßgesellschaft geht jedoch instinktiv der kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte sowie der Vergangenheit als solche, und a fortiori mit dem längst Vergangenen aus dem Wege.  Und  wenn dennoch das längst Vergangene mal bemüht wird, dann geschieht das meistens nur im Sinne einer unauthentischen Vermarktung, gar oft mit einem reißerischen Beigeschmack. Dies zeigte unlängst noch eine Umfrage, die man bei denkbaren Sponsoren einer nicht näher genannten Gemeinde zur Gestaltung eines mittelalterlichen Spiels durchgeführt hat. Da wurden, neben den traditionellen Raubrittern, noch weitere thematische Motive genannt; ich darf sie kurz aufzählen :  (es sind die drei H’s) : Huren, Hexen und Henker. Etwas anderes fiel den kommunalen Organisatoren zum Begriff  “Mittelalter”  nicht ein !
Man verstehe uns schon richtig : Die Freude an der Unterhaltung mit historischem Hintergrund soll keineswegs ins Lächerliche gezogen werden. Ein unterhaltsamer Umgang mit der Geschichte kann durchaus anregend sein und neue, wertvolle Impulse schaffen. Bedenklich wird es aber dann, wenn derartige Aufführungen ohne wissenschaftliches Gegengewicht und ohne kritische Distanz über die Bühne gehen.

Unser diesjähriger Hecking-Schild-Träger, Dr. Alfred Minke, weiß um diese Problematik : Lebendige Geschichte ist nämlich, auch für ihn, mehr als ein Ritterspiel auf einer Freilichtbühne. Lebendige Geschichte verlangt eine kulturelle Einstellung, eine große Portion Wissen, vor allem die Fähigkeit, dem “Verstaubten” und “Trockenen” der Vergangenheit ein neues, verständliches Gesicht zu geben. Lebendige Geschichte soll nicht in Eskapismus einer gesättigten Freizeitgesellschaft ausufern.
Wie stark dieser Trend aber bereits um sich gegriffen hat, zeigt die Tatsache, dass es heute teilweise leichter erscheint, finanzielle Mittel für aufsehenerregende “events” einzuwerben als für die stille Kärrnerarbeit wissenschaftlicher Projekte – das gute deutsche Wort “Veranstaltung” für “event” wird bekanntlich aus unserem Sprachvermögen langsam, aber sicher ausgebürgert.

Werte Festversammlung !
Dr. Minke ist ferner ein Inspirator des Heimatgedankens. Er hat mit dazu beigetragen, dem viel geschmähten Begriff  “Heimat” in unserem Gebiet eine neue Gestalt und einen hellen Klang zu geben. Und dies war nach der geistigen und materiellen Depression der Nachkriegszeit bitter nötig.
Jeder Mensch braucht ein bisschen Heimat, hat Jean Améry sinngemäß einmal gesagt. Der Mensch braucht die Geborgenheit der Heimat und folglich auch den Rückblick auf seine Vergangenheit, auf die geschichtliche Ausprägung seines heimatlichen Kreises. Dr. Alfred Minke hat die Wiederbelebung des in der Vergangenheit gründenden Heimatgedankens maßgebend beflügelt. Durch sein reiches Wirken, durch seine beachtlichen Publikationen, auch durch seine vielfältigen ehrenamtlichen Tätigkeiten, die grenzüberschreitenden, kulturellen, wissenschaftlichen, denkmalpflegerischen und bibliothekarischen Aktivitäten, die von Paris über das nordfranzösische Lille, von Brüssel, Neu-Löwen und Lüttich bis in sein geliebtes Eupen, -und sicherlich nicht erst seit heute- auch hier bis St.Vith reichen; in alledem  erweist sich Dr. Minke immer wieder als eine Persönlichkeit schöpferischer Kreativität, der Vermittlung und des Ausgleichs.

Meine Damen und Herren !
Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts steht der Mensch vor rasenden technologischen, geistigen und gesellschaftlichen Umwälzungen. Sie haben den viel zitierten “Verlust der Mitte” bewirkt, das heißt -in unserem Verständnis- den Verlust einer lebensbestimmenden, metaphysischen Bindung; das heißt das Verwässern, ja gar das Ausradieren verbindlicher, ethischer Werte, den Bruch mit althergebrachten Traditionen. Das Schlimme ist, dass nichts Gleichwertiges an ihre Stelle getreten ist.  Diese ausgehöhlte Mitte kann meines Erachtens durch die heimatliche Verbundenheit -zumindest teilweise- aufgefüllt werden.
In einem Gespräch, das ich mit Gottfried Kardinal Danneels vor einigen Jahren bereits führen konnte, wurde die Rückbesinnung des modernen Menschen als Notwendigkeit angesprochen. Gottfried Danneels kleidete die “ängstliche Suche nach der immer wieder angesprochenen persönlichen Identität”  in folgende schlichte Worte ein :
Jeder Mensch liebt seinen heimatlichen Umkreis; und er  fürchtet, es könnte eines Tages etwas anderes an seine Stelle treten. Es ist die Furcht vor der Entwurzelung. Die Technik droht uns zu entwurzeln, denn technisch ist heute alles möglich, alles machbar. Doch plötzlich spüren unsere Füße die Erde nicht mehr. Wir werden zu entwurzelten Bäumen, der Saft steigt nicht mehr nach. Der Baum erschlafft …Wenn der Mensch zum Funktionellen wird, stellt sich ein inneres Ungleichgewicht ein, und dann kommt es zur Rückbesinnung, zur Rückkehr nach Hause, nach dem eigenen Flecken Erde, nach der Heimat, nach dem Dorf”.  Soweit Gottfried Danneels.

Rütteln wir hier etwa an den verriegelten Toren unseres verlorenen Paradieses ?
Sicherlich kann hier, wie angedeutet, die Heimatgeschichte weiterhelfen, aber nicht als Nostalgikum, nicht als romantische Einbettung in unsere Vergangenheit, sondern als unverzichtbares Mittel, um die eigene Persönlichkeit zu erkennen, um dieselbe und unser Umfeld zu begreifen.
Ich glaube, dass die Heimatgeschichte und das Bemühen um Kenntnis und Erfassen der eigenen Vergangenheit hilfreich sein können, um den Verlust verbindlicher, gesellschaftlicher Normen und das Erlöschen uns lieb gewordener Lebensformen ohne allzu große Bruchstücke zu überbrücken. Sie helfen uns, die Überbetonung einer multikulturellen Lebenswelt maßvoll zu relativieren, einer Lebenswelt,  die man uns,  zu Recht oder zu Unrecht, als unabwendbares, unausweichliches Gesellschaftsmodell für die nächsten Jahrzehnte, ja Jahrhunderte in Aussicht stellt. Dieses Modell wird jedoch eine Lebenswelt sein, wir erfahren es heute schon, die  jede persönliche und auch kollektive “Wurzelsuche” in bedeutendem Maße erschweren wird.

Das Kennen der eigenen Geschichte lehrt uns aber auch in hohem Maße, tolerant zu sein.
Können wir die Toleranz  nicht am wirksamsten in dem Bereich praktizieren, wo wir zu Hause sind, in der uns vertrauten Sphäre, die wir Heimat nennen, die wir lieben, deren zuweilen schmerzhafte Geschichte uns einander näher bringt, und deren Gefüge und Beschaffenheit uns überblickbar erscheinen ? Sind das nicht alles Voraussetzungen, die ein gegenseitiges Verständnis und ein “Sichbegreifen” erleichtern, und die uns vor jedem extremen Blendwerk schützen ?
Ist Toleranz eigentlich nicht die letzte Sprosse zur Nächstenliebe ?
Nutzen wir, meine Damen und Herren, liebe Geschichtsfreunde, diesen Aspekt dynamischer Heimatkunde !

Das von Dr. Alfred Minke geleitete Staatsarchiv ist, wie bereits gesagt, das  Gedächtnis unserer Gemeinschaft, aber auch, wie Klaus-Dieter Klauser es eingangs hervorhob, das “Gewissen unserer Gemeinschaft”. Sicherlich hat “Gewissen” etwas mit “Wissen” zu tun, und somit auch mit “Gedächtnis”.
Das wohl Schlimmste, das einem Gedächtnis passieren kann, ist das Vergessen. Tritt dies nach und nach ein, dann kommt es anfänglich bestenfalls noch zu verschwommenen “Nachträgen”, zu unkontrollierbaren Überlieferungen. Sie weisen schlussendlich aber unweigerlich den Weg in die Geschichtslosigkeit.
Gott sei Dank, haben wir diese Grenze einer terminalen Buchführung noch nicht erreicht; doch Vieles stimmt zum Nachdenken. Wir sprachen bereits darüber.
Sehr beeindruckend bleibt jedenfalls in diesem Sachverhalt für mich die Botschaft eines literarischen Essays unter dem Titel “Nachtrag zur Dorfchronik” aus der Feder des rumäniendeutschen Siebenbürger Autors Richard Wagner. Das Umfeld der Skizze stimmt zwar nicht mit unseren ostbelgischen Gegebenheiten überein; dennoch offenbart der literarische “Nachtrag” in aller Sprödheit eine Situation, die auch hierzulande zum Nachdenken stimmen könnte. Da heißt es nämlich zum Schluß :

Der Hund schlägt an. Sind Räuber da ? Und welches Jahr ist es ? Großmutter steht auf, geht zum Schrank. Das Möbel fängt Feuer. Sie öffnet die brennende Tür, greift nach dem Bügel. Der ist aus Asche, zerfällt ihr in der Hand. Sie nimmt das verbrannte Kleid an sich, zieht es an, geht auf die Straße. Hinter ihr ist keine Straße mehr. Sie geht auf die Kirche zu. Sie geht in die Kirche hinein. Sie geht die Wendeltreppe hinauf. Hinter ihr ist keine Treppe mehr. Sie geht zur Orgel hinauf, macht die brennende Tür hinter sich zu. Dann ist sie nicht mehr zu sehen. Nur ein Ton ist zu hören, aus der brennenden Orgel, ein einziger Ton. Und die Verwandten stehen verstreut an Tankstellen und Fließbändern, und schauen zu. Und manchmal ist’s ihnen, als hätten sie diesen Ton schon mal gehört, diesen Ton  im Kopf…”

Meine Damen und Herren !

Mit den rührigen Kräften, auf die unsere Gemeinschaft derzeit bauen kann,  -und mit Dr. Minkes Archivschrank- werden wir vorerst noch keine “Nachträge” in dieser Form zu unserer Vergangenheit formulieren müssen. Wir werden -schlussendlich liegt es an uns-  wohl auch künftig imstande sein, mit dem “Ton im Kopf” noch eine glanzvolle Fuge unserer besonderen Geschichte komponieren zu können.

Ich entbiete Ihnen, lieber Herr Alfred Minke, meine herzliche Gratulation zu dieser hochverdienten Auszeichnung.

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